12. Oktober 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht
Eurokrise 2.0?
Der starke Anstieg der vom Markt verlangten Risikoprämie für französische Staatsanleihen gegenüber den deutschen Bundesanleihen hat die Frage nach einer neuen Eurokrise aufkommen lassen.
Im Fokus
Der starke Anstieg der vom Markt verlangten Risikoprämie für französische Staatsanleihen gegenüber den deutschen Bundesanleihen hat die Frage nach einer neuen Eurokrise aufkommen lassen. Bei den 10-jährigen Anleihen stieg der Aufpreis innert Kürze von 0.80% auf 1.40% und hat sich dort eingependelt. Der «Strafzins» Frankreichs ist damit höher als derjenige Italiens oder Griechenlands. Darunter hat auch der Euro gelitten, dessen Kurs zum Franken von knapp 0.95 auf 0.93 zurückgefallen ist.
Ein Blick zurück
Der kurzfristige Chart mit dem exponentiellen Anstieg der französischen Risikoprämie sieht dramatisch aus. Diese Entwicklung gilt es aber zu relativeren. 2011 stieg die Risikoprämie italienischer Anleihen von 1.2% auf 5.5%. Spanien musste 6.5% mehr Zins zahlen als Deutschland und Griechenland wurde mit einem Renditeaufschlag von 35% faktisch als zahlungsunfähig erklärt. Der Euro sank zum Franken von 1.50 Anfang 2010 ungebremst auf 1.04, bevor die SNB im September 2011 den Euromindestkurs von 1.20 in Kraft setzte. Was folgte, ist bekannt: Die griechischen Anleihen wurden umgeschuldet und Mario Draghi setzte der Eurokrise im Sommer 2012 mit seinem «whatever it takes» ein Ende. Von diesen Verhältnissen sind wir weit entfernt. Weder ist Frankreich zahlungsunfähig, noch befindet sich der Euro im ungebremsten Sturzflug.
Konzentration auf Frankreich
Während der Eurokrise wurden alle südlichen Euroländer in Frage gestellt. Aktuell konzentriert sich die Angst der Investoren auf Frankreich. Dort ist die Situation allerdings schwierig. Die Schulden steigen und haben mittlerweile 116% des BIP erreicht. Problematisch ist das Budgetdefizit von rund 5% des BIP, welches von einem schwachen nominalen BIP-Wachstum von 1.9% nicht aufgefangen werden kann. Die Schuldenquote wird weiter steigen, da kein politischer Wille für schmerzhafte Sparmassnahmen zu erkennen ist. Die populistischen Parteien an beiden Enden des Spektrums überbieten sich im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom nächsten Jahr vielmehr mit dem Versprechen, noch mehr Geld zu verteilen. Die aktuellen Bilder der Jugendproteste und die Hilflosigkeit der Regierung hinterlassen auch kein Bild eines stabilen und zuverlässigen Schuldners.
Grundprobleme der Eurozone sind ungelöst
Für eine neue Eurokrise fehlt die Breite des Mistrauens. Die Vorgänge rund um Frankreich zeigen aber einmal mehr, dass die Grundprobleme des Konstrukts der Einheitswährung ungelöst sind. Die strukturellen und kulturellen Unterschiede der verschiedenen Euroländer sind nicht kleiner geworden. Die hochgelobte Konvergenz der Eurostaaten findet nicht statt. Die in den Maastricht-Kriterien geforderte Finanzdisziplin ist ein Wunschtraum, solange griffige Sanktionsmechanismen zu deren Durchsetzung fehlen. Jeder will vom Euro und der Eurozone profitieren, aber keiner will Verantwortung übernehmen. Dazu kommt, dass die vielbeschworene Kernachse Frankreich/Deutschland ihre stabilisierende Funktion nicht wahrnehmen kann. Frankereich ist Teil des Schuldenproblems. Deutschland ist wirtschaftlich geschwächt und politisch mit sich selbst beschäftigt. Daher wird der Euro weiterhin regelmässig in Frage gestellt werden.
Die EZB soll es richten
Die EZB ist die am besten funktionierende Institution in der Eurozone und als Klammer unersetzbar. Sie hat als Einzige die nötigen finanziellen Möglichkeiten, um bei Bedarf das Vertrauen in den Euro zu stärken. Sie ist auch bereit, diese einzusetzen. In der Vergangenheit hat sie aber zu schnell den Rettungsring ausgeworfen und den Euroländern aus der finanziellen Patsche geholfen. Das hat sowohl die Investoren als auch die Staaten unvorsichtig werden lassen und die disziplinierende Kraft des Finanzmarktes ausgehebelt. Die EZB sollte sich auf ihren Kernauftrag der Steuerung der Preisstabilität und Wirtschaft konzentrieren. Dazu gehört auch, dass sie undisziplinierte Länder und deren Investoren auch mal leiden lässt, solange es das Gesamtkonstrukt der Eurozone und ihren Auftrag nicht gefährdet.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.83%, S&P500: +0.59%, Nasdaq: +0.64%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.76%, DAX: +1.13%, SMI: +1.10%
Der Ölpreis bestimmt wieder einmal das Geschehen an den Aktienmärkten. Steigt er, sinken die Aktienkurse und umgekehrt. Das zeigt auch, dass sonst nicht viel Neues passiert. Der S&P 500 legte letzte Woche 1.15% zu. Die europäischen Aktien sanken 1.04%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 0.75% abschloss.
Die Aktienmärkte stehen im Spannungsfeld zwischen höheren Energiepreisen und Zinsen sowie einer robusten Konjunktur, Gewinnwachstum und anhaltenden KI-Investitionen. Die weitere Eskalation im Nahen Osten hat die Energiepreise erneut steigen lassen. Damit rücken auch die Inflationsrisiken wieder stärker in den Fokus. Weitere Leitzinserhöhungen bleiben deshalb möglich. Gleichzeitig haben die Entwicklungen an den Energiemärkten die Unsicherheit über den künftigen Zinspfad erhöht. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den langfristigen Zinsen. Neben den Inflationsrisiken rücken zunehmend auch die hohen Staatsdefizite und die Verschuldung vieler Industrieländer in den Vordergrund. Dieser Mix sorgt für erhöhte Volatilität am langen Ende der Zinskurve und bleibt ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor für die Finanzmärkte. Die Aktienmärkte zeigen sich von diesem anspruchsvolleren Umfeld bislang wenig beeindruckt. Die Weltwirtschaft befindet sich weiterhin auf Wachstumskurs und verkraftet den Anstieg der Energiepreise bisher besser als befürchtet. Gleichzeitig entwickelt sich das Gewinnwachstum der Unternehmen erfreulich. Positiv ist zudem, dass die Kursentwicklung nicht nur von wenigen grossen Unternehmen getragen wird. Die Marktbreite bleibt intakt und wirkt stabilisierend. Höhere Energiepreise und steigende Zinsen begrenzen jedoch das weitere Kurspotenzial und erhöhen die Anfälligkeit für Rückschläge.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 5.24%; DE: 3.48%; CH: 0.57%
Die Unruhe am amerikanischen Kapitalmarkt hält an. Die Schwankungen der Renditen der langlaufenden Anleihen sind nach wie vor gross. Veränderungen von 0.10% nach oben und unten innert kurzer Zeit kommen häufig vor. Die Auktionen neuer US-Anleihen mit Laufzeiten von 10 und 30 Jahren sind letzte Woche jedoch einigermassen gut über die Bühne gegangen. Der resultierende Zins war zwar hoch, traf aber auf eine solide Nachfrage.
Währungen
Euro in Franken: 0.931
US-Dollar in Franken: 0.830
Euro in US-Dollar: 1.121
Der Euro konnte sich nach dem deutlichen Wertverlust zum Franken und zum US-Dollar aufgrund der Sorge um die finanzielle Stabilität Frankreichs auffangen. Die rasche Bewegung des Euro nach unten zeigt, dass die vorangegangene Stärke des Euro seit dem Sommer auch spekulatives Geld angezogen hat, das auf eine Fortsetzung der Euro-Aufwertung setzte und nun falsch lag.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 103.38 pro Fass
Goldpreis: USD 4'198.37 pro Unze
Donald Trump wünscht sich im Vorfeld der Zwischenwahlen einen deutlich tieferen Ölpreis und deutlich tiefere Benzinpreise. Der Transport von Erdöl durch die Strasse von Hormus hat im September deutlich zugenommen. Der Erdölpreis für die Sorte Brent ist denn auch unter die Marke von 100 US-Dollar gesunken, bevor Trump mit neuen Angriffsdrohungen gegen den Iran seine Bemühungen torpediert hat.
Wirtschaft und Konjunktur
USA: U. Michigan Konsumentenvertrauen (Oktober)
aktuell: 46.3 (erwartet: 47.6, Vormonat: 48.1)
Hohe Benzinpreise und steigende Zinsen drücken auf die Stimmung der amerikanischen Haushalte. Die aktuelle Lage wird so schlecht eingeschätzt wie noch nie seit dem Beginn der Erhebung. Belastend ist vor allem, dass die Löhne weniger stark steigen als die Preise. Trotz der schlechten Stimmung sind die Konsumausgaben jedoch immer noch hoch.
Thomas Stucki
8021 Zürich
Ihr nächster Schritt
Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.