Titelbild /sicht Januar 2026 SGKB

Seltene Erden: gefragtes Hightech-Material

Sie stecken in Smartphones, Elektroautos und Windturbinen – und bilden damit das Fundament moderner Technologie. Seltene Erden spielen nicht erst seit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China eine zentrale Rolle. Ein Blick auf die strategische und wirtschaftliche Bedeutung dieser unscheinbaren, aber unverzichtbaren Metalle.

Yttrium, Dysprosium oder Promethium: Die 17 als «seltene Erden» geltenden Metalle haben kryptische Namen und sind im Bereich moderner Technologien unersetzbar. Sie können starke Magnetfelder aufbauen, hohen Temperaturen widerstehen oder präzise Lichtimpulse erzeugen. Nur dank dieser Eigenschaften ist die Entwicklung sparsamer Elektromotoren, effizienter Windturbinen oder leistungsstarker Chips überhaupt möglich. Aber auch im Display, im Mikrofon und im Vibrationsmodul eines handelsüblichen Smartphones stecken bis zu elf verschiedene seltene Erden.

Mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China ist das Thema der seltenen Erden auch in der breiten Medienberichterstattung angekommen. Mit Exportbeschränkungen nutzt China seine Dominanz im Abbau und der Aufbereitung dieser Metalle und setzt damit westliche Firmen und Regierungen unter Druck. So musste beispielsweise im Mai der Autobauer Ford die Produktion in einem Werk in Chicago vorübergehend einstellen. Es mangelte an seltenen Erden. Auch europäische Autobauer berichteten von Engpässen. Die Abhängigkeiten sind gross: Der überwiegende Teil der in den USA und Europa eingesetzten seltenen Erden wird importiert, zu rund 70 % aus China. Einzelne Metalle stammen sogar ausschliesslich aus der Volksrepublik. 

China kontrolliert einen Grossteil der Produktionskapazitäten seltener Erden. Gemäss dem US Geological Survey kamen im Jahr 2024 rund 70 % der weltweit geförderten seltenen Erden aus China. Unter den westlichen Ländern bauen einzig die USA und Australien relevante Mengen ab. Zusammen erreichten sie aber nur einen Anteil von rund 14 % der weltweiten Produktion. Noch stärker ist Chinas Stellung in der Verarbeitung. Schätzungen zufolge kontrollieren chinesische Firmen nahezu 90 % der weltweiten Verarbeitungskapazitäten.

«Der Nahe Osten hat Öl. China hat seltene Erden.»

1992, Deng Xiaoping (ehemaliger chinesischer Staatschef)

Das Quasi-Monopol Chinas ist teilweise geologisch begründet, vor allem aber das Ergebnis einer langfristigen Industriepolitik. Vor 50 Jahren waren noch die USA der grösste Produzent seltener Erden. Im Verlauf der 1980er-Jahre hat aber China die strategische Bedeutung seltener Erden und das Potenzial der eigenen Vorkommen erkannt und baute die Förderung und Aufbereitung systematisch aus. Dabei profitierte China von tieferen Lohnkosten und schwachen Umweltauflagen und konnte damit westliche Anbieter mit billigeren Rohstoffen verdrängen. Sinnbild für diese Entwicklung ist die Mountain-Pass-Mine im US-Bundesstaat Kalifornien, lange Zeit die weltweit grösste Abbaustätte für seltene Erden. Sie wurde 2002 nach einem Umweltskandal und aufgrund fehlender Profitabilität geschlossen. Zwischen 2003 und 2011 entfiel praktisch die gesamte weltweite Produktion auf China. Erst danach traten Australien und später auch die USA wieder als nennenswerte Produzenten in den Markt ein. Die Mountain-Pass-Mine wurde wiedereröffnet, bleibt bis heute aber die einzige aktive Abbaustätte in den USA. Europäische Länder spielen in der Förderung bis heute praktisch keine Rolle.

China dominiert weltweite Produktion seltener Erden
Produktion seltener Erden exkl. Scandium in 1000 Tonnen

China zieht davon

Der neuen Konkurrenz ist China in der Zwischenzeit längst enteilt und legt mit Skaleneffekten weiter an Tempo zu. Während die USA ihre Produktion zwischen 2020 und 2024 von 39000 auf 45000 Tonnen gesteigert haben, konnte China den Abbau im selben Zeitraum von 140000 auf 270000 Tonnen auf viel höherem Niveau nochmals fast verdoppeln. Der Rückstand westlicher Länder macht sich auch in fehlendem Know-how in der technisch anspruchsvollen Verarbeitung bemerkbar. Diesen Vorteil will sich China bewahren: Chinesischen Spezialisten ist es heute untersagt, ohne Erlaubnis der Regierung bei ausländischen Projekten mitzuarbeiten. Zusätzlich verteuern höhere Strompreise und strengere Umweltauflagen die energieintensive Aufbereitung in westlichen Ländern.

Der Bedarf an seltenen Erden ist bereits heute gross. Getrieben von den Megatrends Automation, Digitalisierung und Dekarbonisierung, wird die Nachfrage in den nächsten Jahrzehnten nochmals erheblich steigen. Dies zeigt sich beispielhaft am jährlichen Bedarf der vier seltenen Erden, die für die Herstellung von Permanentmagneten eingesetzt werden. Dieser wird sich gemäss Schätzungen der Internationalen Energieagentur bis 2050 mehr als verdoppeln. Ein zentraler Wachstumsfaktor ist dabei der Einsatz in Motoren für Elektrofahrzeuge. Die Abhängigkeiten von einer stabilen Versorgung mit seltenen Erden werden weiter zunehmen und damit auch die Abhängigkeit von China. 

Neue Projekte in den USA und Europa

In den letzten Monaten haben westliche Staaten unter der Führung der USA diverse neue Projekte zum Aufbau eigener Produktionsketten im Bereich seltener Erden angekündigt, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Der Fokus dürfte dabei in einem ersten Schritt auf einer eigenständigen Versorgung bei Rüstungsgütern liegen. Wie kritisch die Metalle dort sind, zeigt sich exemplarisch am US-Kampfflugzeug F-35, das auch die Schweiz bestellt hat. In jedem dieser Flugzeuge sind über 400kg an seltenen Erden verbaut.

Auf internationaler Ebene haben sich die G7-Staaten plus Australien auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Die US-Regierung lockt private In­vestoren mit Anreizen wie Darlehen, Abnahmegarantien und günstigem Land. Seit Juli 2025 ist der US-Staat zudem der grösste Aktionär der Betreiberfirma der Mountain-Pass-Mine. In Europa gibt es ebenfalls ambitionierte Ziele und Projekte, etwa für neue Minen in Norwegen oder Schweden. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Recycling von seltenen Erden, beispielsweise aus Elektromotoren.

Hürden bleiben hoch

Trotz grosser Investitionen bleiben die Hürden hoch, da entlang der gesamten Produktionskette neue Kapazitäten und das dafür notwendige Know-how aufgebaut werden müssen. Schätzungen zufolge dürfte der Aufbau entsprechender Strukturen in industriellem Massstab in westlichen Ländern noch mindestens 5 bis 10 Jahre dauern. Parallel dazu steigt der Verbrauch an. Selbst in einem optimistischen Szenario bleibt der Westen noch längere Zeit von China abhängig. Das liegt auch an der Geografie: Von den bekannten Reserven an seltenen Erden liegen knapp 50 % in China. Weitere grosse Vorkommen befinden sich in Brasilien und Indien. Australien – ein Stützpfeiler der G7-Strategie – folgt erst auf Platz vier. Geopolitischer Faktor – auch in Zukunft Seltene Erden sind längst ein geopolitischer Faktor geworden. Trumps Interesse an Grönland oder Chinas Präsenz in Ländern wie Myanmar lassen sich auch mit deren Reserven an seltenen Erden er­klären. Der jüngste Handelskonflikt hat zudem aufgezeigt, wie stark die Abhängigkeiten bei seltenen Erden den Spielraum der USA zur Beeinflussung ihres geopolitischen Konkurrenten einschränken. Diese Trumpfkarte Chinas wird weiter an Bedeutung gewinnen, sowohl geopolitisch als auch wirtschaftlich. Von US-Techfirmen über deutsche Autobauer bis hin zu Schweizer Industrieunternehmen: Sie alle sind von einer stabilen Versorgung mit den entsprechenden Metallen abhängig. Von Yttrium, Dysprosium oder Promethium wird deshalb auch in Zukunft zu hören sein.

Bedarf an seltenen Erden wird stark zunehmen
in 1000 Tonnen

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