19. Oktober 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht
Sind die Finanzmärkte verrückt geworden?
Dass der Kurs eines Small Caps nach überraschend guten oder schlechten Zahlen um 10% steigt oder fällt, ist üblich und nicht weiter erwähnenswert. Dass ähnliche oder noch stärkere Preisbewegungen in hochliquiden Märkten immer häufiger vorkommen, ist dagegen kein gutes Zeichen.
Im Fokus
Dass der Kurs eines Small Caps nach überraschend guten oder schlechten Zahlen um 10% steigt oder fällt, ist üblich und nicht weiter erwähnenswert. Dass ähnliche oder noch stärkere Preisbewegungen in hochliquiden Märkten immer häufiger vorkommen, ist dagegen kein gutes Zeichen. Wenn die Rendite des 10-jährigen US-Treasury, wahrscheinlich das volumenstärkste Wertpapier der Welt, nach der Veröffentlichung einer etwas höheren Inflationsrate 14 Basispunkte steigt, um in den nächsten Stunden dann 30 Basispunkte zu verlieren, hat nichts mehr mit einer rationalen Informationsverarbeitung zu tun. Wenn die Aktie von Microsoft mit einem täglichen Handelsvolumen von gut 10 Mrd. US-Dollar nach zugegebenermassen positiven Gewinnzahlen um 25% steigt und an diesem Tag Aktien im Wert 50 Mrd. US-Dollar gehandelt werden, ist das nicht die Folge der Neueinschätzung einer Firma, die man bestens kennt. Dass der Euro zum Franken aus heiterem Himmel innert Kürze mehr als einen Rappen verliert, nur weil die Risikoprämie französischer Anleihen steigt, obschon das in den Tagen zuvor nur Insider interessierte, stärkt das Vertrauen in den Devisenmarkt auch nicht. Die Reihe solcher Marktbewegungen liesse sich vielfältig fortsetzen.
Viel fluides Geld im System
Durch die Liquiditätsschwemme der Zentralbanken seit der Finanzkrise ist sehr viel Geld im Finanzsystem vorhanden. Ein rechter Teil dieses Geldes liegt bei Investoren und Anlagevehikeln, die sich dem kurzfristigen Trading auf der Basis von Modellsignalen verschrieben haben. Diese Modelle legen ihre Anlageentscheide nicht auf der Basis wirtschaftlicher Daten fest. Vielmehr suchen sie nach Preiskonstellationen in den verschiedenen Märkten, die sie als attraktiv erachten. Da die verschiedenen Modelle meistens ähnlich aufgebaut sind, kommen sie zu ähnlichen Schlüssen. Wenn dann über die Derivatmärkte die vorhandene Geldmasse noch multipliziert wird, werden innert Kürze Handelsvolumen ausgelöst, die kein Markt, sei er noch so liquide, auffangen kann.
Passives Investieren hat seine Nebenwirkungen
Es gibt gute Gründe für grosse Investoren, ihr Portfolio passiv zu verwalten und irgendwelche Indizes nachzubauen. Für die Finanzmärkte ist dieser Trend zunehmend jedoch ein Problem. Die Investoren interessieren sich nicht mehr für die Pros und Cons ihrer Investitionen und ihre Entscheidungen werden zunehmend gleichgeschaltet. Ob die passiven Investoren in einem Markt als Käufer oder Verkäufer auftreten, wirkt sich meistens erst am Tagesende aus, wenn in der Schlussauktion die Zu- und Abflüsse in den passiven Produkten ausgeglichen werden. Zunehmend fehlen aber die Investoren, die bei Ereignissen zu unterschiedlichen Interpretationen der wirtschaftlichen Folgen für ein Unternehmen, einen Staat oder eine Währung kommen. So fehlt häufig auch die Gegenposition, die eine starke Marktbewegung auffangen kann.
Chancen für den «Rationalen Investor»
Die Zahl der abrupten und starken Marktbewegungen wird nicht abnehmen. Durch den zunehmenden Einfluss von KI-Modellen bei den Anlageentschieden wird deren Häufigkeit eher steigen. Wie soll der in der Finanzliteratur viel beschworene «Rationale Investor» damit umgehen? Das Positive ist, dass solche Preisbewegungen wieder ausgeglichen werden, wenn ihnen die wirtschaftliche Grundlage fehlt. Am Ende entscheidet die wirtschaftliche Stärke oder Schwäche über den Wert eines Unternehmens und die konjunkturellen Rahmenbedingungen über die Zinsen und die Wechselkurse. Eine Möglichkeit ist daher, das nervöse Handeln zu ignorieren und sein Portfolio auf die mittelfristigen Wachstumsaussichten für die Wirtschaft auszurichten. Wir empfehlen, den Kern des Portfolios so zu bewirtschaften. Mit einer zusätzlichen Handelskasse bieten solche Preissprünge aber auch Gelegenheiten, Übertreibungen gewinnbringend auszunützen.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: -0.34%, S&P500: -1.09%, Nasdaq: -2.34%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.58%, DAX: +0.95%, SMI: +0.29%
Die On-Off-Beziehung zwischen den Investoren und den KI-Aktien ist wieder einmal erkaltet. Die Preise der Tech- und Softwarefirmen fallen, währen die Aktien in defensiveren Sektoren bevorzugt werden. Wie bei solchen Beziehungen üblich, kann es morgen wieder anders sein. Der S&P 500 verlor letzte Woche 1.95%. Die europäischen Aktien stiegen 0.50%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 3.82% abschloss.
Die Aktienmärkte stehen im Spannungsfeld zwischen höheren Energiepreisen und Zinsen sowie einer robusten Konjunktur, Gewinnwachstum und anhaltenden KI-Investitionen. Die neue Eskalation im Nahen Osten hat die Energiepreise erneut steigen lassen. Damit rücken auch die Inflationsrisiken wieder stärker in den Fokus. Weitere Leitzinserhöhungen bleiben deshalb möglich. Gleichzeitig haben die Entwicklungen an den Energiemärkten die Unsicherheit über den künftigen Zinspfad erhöht. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den langfristigen Zinsen. Neben den Inflationsrisiken rücken zunehmend auch die hohen Staatsdefizite und die Verschuldung vieler Industrieländer in den Vordergrund. Dieser Mix sorgt für erhöhte Volatilität am langen Ende der Zinskurve und bleibt ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor für die Finanzmärkte. Die Aktienmärkte zeigen sich von diesem anspruchsvolleren Umfeld bislang wenig beeindruckt. Die Weltwirtschaft befindet sich weiterhin auf Wachstumskurs und verkraftet den Anstieg der Energiepreise bisher besser als befürchtet. Gleichzeitig entwickelt sich das Gewinnwachstum der Unternehmen erfreulich. Positiv ist zudem, dass die Kursentwicklung nicht nur von wenigen grossen Unternehmen getragen wird. Die Marktbreite bleibt intakt und wirkt stabilisierend. Höhere Energiepreise und steigende Zinsen begrenzen jedoch das weitere Kurspotenzial und erhöhen die Anfälligkeit für Rückschläge.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 5.06%; DE: 3.43%; CH: 0.55%
Der Roller Coaster-Markt bei den US-Zinsen macht immer grössere Loopings. Zuletzt ist es mit den Renditen wieder kräftig nach unten gegangen. Die Analysten suchen verzweifelt nach Erklärungen und finden sie oft bei der Fed, kürzlich bei Kevin Warsh. Gesagt hat er aber eigentlich nichts, dass nicht schon bekannt war. Zum Glück schliessen sich die Zinsen in der Schweiz dem Getue in den USA nur bedingt an.
Währungen
Euro in Franken: 0.926
US-Dollar in Franken: 0.824
Euro in US-Dollar: 1.123
Der Franken ist wieder gesucht. Der US-Dollar hat innert zwei Tagen 1.5 Rappen verloren. Einen spezifischen Grund dafür gibt es nicht, auch wenn die Zinsen in den USA etwas gefallen sind. Der Euro schliesst sich wie üblich dem US-Dollar an und wird zum Franken auch schwächer.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 107.85 pro Fass
Goldpreis: USD 4'183.55 pro Unze
Der Ölpreis ist auf den höchsten Stand seit Mitte Mai gestiegen. Meldungen über Beschiessungen von Schiffen in der Strasse von Hormus und über einen Einbruch der Schiffspassagen durch den Engpass haben den Preis nach oben getrieben. Eine rasche Entspannung ist nicht in Sicht. Die Iraner haben ein starkes Interesse daran, im Vorfeld der Wahlen in den USA die Energiepreise hochzuhalten.
Wirtschaft und Konjunktur
Wie Mitte Monat üblich, ist der Strom der Konjunkturmeldungen momentan dünn besetzt. Viele neue Erkenntnisse über den Zustand der Wirtschaft wird es auch in den nächsten Tagen nicht geben.
Thomas Stucki
8021 Zürich
Ihr nächster Schritt
Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.