Öltanker auf dem Meer

17. August 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht

Inflation ist mehr als nur der Benzinpreis

Die Schliessung der Strasse von Hormus und die damit verbundenen Unterbrüche in der Versorgung der Weltwirtschaft mit Energie und Dünger haben die Inflationsraten steigen lassen. Den direktesten Einfluss spüren die meisten durch steigende Benzinpreise. Höhere Benzinpreise sind jedoch nur ein Symptom.

Im Fokus

Die Schliessung der Strasse von Hormus und die damit verbundenen Unterbrüche in der Versorgung der Weltwirtschaft mit Energie und Dünger haben die Inflationsraten steigen lassen. Den direktesten Einfluss spüren die meisten durch steigende Benzinpreise. Höhere Benzinpreise sind jedoch nur ein Symptom. Die schädliche Wirkung der Inflation geht viel weiter. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Kaufkraft eines US-Dollars halbiert. Beim Euro sieht es mit einem Kaufkraftverlust von 44% nicht viel besser aus. Noch extremer ergeht es Ländern mit einer sehr hohen Inflation. 100 Türkische Lira sind real auf 0.3 Lira geschmolzen. Dagegen ist der Franken seinem Ruf als stabiler Fels einigermassen gerecht geworden. Der Franken von 2000 ist heute immerhin noch 85 Rappen wert.

Energiepreise erklären die Unterschiede nicht

Dass die durchschnittliche Inflationsrate in den USA 2.0% höher war als in der Schweiz, hat nur bedingt mit den verschiedenen Energiepreisschüben in dieser Zeit zu tun. Der direkte Einfluss der Energiepreise auf die Inflationsrate ist in der Schweiz mit knapp 6% des Gewichts im Warenkorb im internationalen Vergleich sehr tief. In den USA ist er mit 8% aber auch nicht viel höher. Die steigenden Preise für Nahrungsmittel sind in den USA ein Thema. Während sie hierzulande stabil sind oder sogar dämpfend auf die Inflationsrate einwirken, steigen sie in den USA deutlich an. Den grossen Unterschied machen aber die Preise im Dienstleistungsbereich aus, die in den USA dreimal so stark ansteigen wie in der Schweiz. Das ist zum einen auf den hohen Anteil administrierter Preise bei uns zurückzuführen. Der wichtigste Faktor sind aber die Lohnkosten. In den USA ist der Durchschnittslohn seit 2000 um 3.7% pro Jahr gestiegen, in der Schweiz dagegen nur um 1.1%. Einen wesentlichen Einfluss auf die Löhne und die Lohnforderungen haben die Inflationserwartungen. Es gelingt der SNB mit ihrer konsequenten Ausrichtung der Geldpolitik auf die Preisstabilität offensichtlich besser als der Fed, die Preis- und damit auch die Lohnerwartungen der Arbeitnehmer unter Kontrolle zu halten.

Reallohnerhöhungen entschädigen nur zum Teil

Man kann dagegenhalten, dass höhere Inflationsraten kein Problem sind, wenn die Einkommen entsprechend stärker steigen und die Leute von realen Lohnerhöhungen profitieren. Das stimmt zum Teil. Wenn die Preisstabilität nicht gut verankert ist, sind die Ausschläge der Inflation nach oben jedoch höher. Jahre mit einer Inflationsrate über 4% kommen in den USA regelmässig vor. 2022 betrug die Teuerung gar 9%. Diese hohen Werte tun der Bevölkerung weh, da sie über die Lohnentwicklung nicht aufgefangen werden. Entsprechend stark ist der negative Einfluss auf die Zufriedenheit der Leute und das Vertrauen in die Institutionen. Dazu kommt, dass der Durchschnittslohn nur wenig über die Verteilung der Einkommen aussagt. Dagegen sind Inflationsraten über 2% in der Schweiz eine Seltenheit.

Preisstabilität als Standortvorteil

Die Preisstabilität ist für Schweizer Unternehmen ein Vorteil. Die Planbarkeit der Kosten ist höher, insbesondere im Dienstleistungssektor. Die Finanzierungsbedingungen sind ebenfalls vorteilhafter. Die Kreditzinsen sind tiefer und schwanken weniger stark. Für die im Export tätigen Firmen werden die Vorteile zum Teil durch die Währungsverschiebungen reduziert. Der Wechselkurs des Frankens gleicht die Inflationsdifferenz zu den anderen Ländern über die Zeit aus und wird nominell teurer. Insgesamt überwiegen die Vorteile der stabilen Preise in der Schweiz.

Aktienmarkt

US-Aktienmärkte
Dow Jones: -0.20%, S&P500: -0.17%, Nasdaq: -0.28%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: -0.09%, DAX: +0.53%, SMI: -0.58%

Nach dem Feuerwerk der Vorwochen ist es an den Aktienmärkten ruhiger geworden. Die Themen sind immer noch die gleichen: die Strasse von Hormus, die Zinsen der Fed und die Frage, ob die Halbleiteraktien die hohen Erwartungen der Investoren erfüllen können. Der S&P 500 legte letzte Woche 0.36% zu. Die europäischen Aktien stiegen 0.24%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Minus von 0.97% abschloss.

Die Eskalation im Nahen Osten und wiederaufgekommene Zweifel am KI-Investitionszyklus haben die Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten gestoppt. Auf Indexebene bleiben die Ausschläge moderat, weil defensive Sektoren die Verluste auffangen. Auf Ebene der einzelnen Aktien fallen die Bewegungen deutlich heftiger aus. Am sichtbarsten wird dies im Halbleiter- und Speicherchipbereich, wo nach der Rally des ersten Halbjahres abrupt die Gewinnmitnahmen einsetzten. Kursbestimmend für dieses Marktsegment ist derzeit die Frage, ob die KI-Investitionsbudgets in geplanter Höhe umgesetzt werden. Die Schwankungen bei den Indizes sind nach wie vor tief. Dahinter verbirgt sich eine Rotation bei den Sektoren, welche die Widerstandsfähigkeit stützt. Eine breite Diversifikation ist zwar wenig aufregend, aber in der aktuellen Marktverfassung aktueller denn je.

Kapitalmärkte

Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.68%; DE: 3.20%; CH: 0.40%

Die Kapitalmärkte sind auf der Suche nach ihrem Weg. Die Schulden der Amerikaner werden in diesem Prozess stärker zum Thema. Bei den Renditen der Anleihen mit langen Laufzeiten geht der Druck deshalb nach oben.

Währungen

Euro in Franken: 0.940
US-Dollar in Franken: 0.811
Euro in US-Dollar: 1.159

Der Euro zeigt seine Muskeln. Etwas bessere Konjunkturdaten in Europa und ein allgemeines Abwarten, was in den Konfliktzonen der Welt passiert, helfen ihm. Dazu kommt, dass die EZB im September wahrscheinlich den Leitzins erneut anheben wird.

Rohwarenmärkte

Ölpreis (Brent): USD 88.57 pro Fass
Goldpreis: USD 4'390.90 pro Unze

Der Ölpreis nähert sich einmal mehr der Marke von 90 US-Dollar pro Fass. Donald Trump versucht wieder mit Drohungen, den Iran in der Frage der offenen Strasse von Hormus unter Druck zu setzen. Dass es diesmal gelingt, scheint eher unwahrscheinlich zu sein.

Wirtschaft und Konjunktur

USA: University of Michigan Konsumentenvertrauen (August)
aktuell: 51.0 (erwartet: 55.2, Vormonat: 55.4)

Die Stimmung unter den US-Konsumenten ist schlechter geworden. Die anhaltend starken Preiserhöhungen und zunehmende Befürchtungen, dass die Einkommenssituation auch nicht mehr so sicher ist, hinterlassen ihre Spuren. Für die Fed machen es die unterschiedlichen Signale, die die US-Wirtschaft aussendet, nicht einfacher.

Thomas Stucki

Portraitfoto von Thomas Stucki, Leiter Investment Center bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Investment Center
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

Ihr nächster Schritt

Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.