02. November 2026, CIO-Sicht | Aktienmärkte

Gesunde Rotation statt Ausverkauf

Die Unternehmensergebnisse überzeugen weiterhin, doch die Anleger werden anspruchsvoller. Besonders im Technologiesektor stehen die hohen Gewinnerwartungen und die Rentabilität der KI-Investitionen auf dem Prüfstand. Die jüngsten Kurskorrekturen sind zugleich Ausdruck einer gesunden Rotation in defensivere Segmente bei intakter Marktbreite. Für langfristig orientierte Anleger bleibt das robuste und breit abgestützte Gewinnwachstum entscheidend.

Die laufende Berichtssaison zeigt, dass die Anleger zunehmend empfindlich auf enttäuschende Unternehmensergebnisse reagieren. Unternehmen, welche die Gewinnerwartungen verfehlen, werden mit teils erheblichen Kursverlusten bestraft. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung im Technologie- und Kommunikationssektor. Dort haben die hohen Erwartungen der vergangenen Quartale den Spielraum für Enttäuschungen deutlich verringert. Die Grafik zur Kursentwicklung seit Jahresbeginn verdeutlicht die aussergewöhnlich starke Performance des Technologiesektors und seine jüngsten Rückschläge. Nach den erheblichen Kursgewinnen der vergangenen Monate sind Gewinnmitnahmen wenig überraschend. Sie müssen nicht zwangsläufig auf eine fundamentale Trendwende hindeuten.

Gewinnwachstum überzeugt, Erwartungen bleiben hoch

Fundamental präsentiert sich die Berichtssaison weiterhin erfreulich. Bislang haben rund 60% der Unternehmen im amerikanischen S&P 500 ihre Ergebnisse für das dritte Quartal veröffentlicht. Davon konnten 82% die Gewinnerwartungen übertreffen. Das liegt über dem fünfjährigen Durchschnitt von 78%. Allerdings fallen die positiven Gewinnüberraschungen mit rund 2% deutlich geringer aus als im langfristigen Mittel von 7.5%. Für das dritte Quartal zeichnet sich ein Gewinnwachstum von rund 30% gegenüber dem Vorjahr ab. Damit bleibt die Gewinndynamik im historischen Vergleich aussergewöhnlich hoch. Zudem wurden die Gewinnerwartungen im Verlauf der Berichtssaison nach oben revidiert. Von einer breiten Verschlechterung der Unternehmensgewinne kann somit keine Rede sein.

Die Grafik zur laufenden Berichtssaison für das 3. Quartal zeigt eine insgesamt positive Entwicklung. In den USA und insbesondere im Technologiesektor hat eine deutliche Mehrheit der Unternehmen die Gewinnerwartungen übertroffen. In Europa und den Schwellenländern fällt das Bild weniger eindeutig aus. 

Die jüngsten Kursverluste bei grossen Technologiekonzernen verdeutlichen zudem, dass gute Ergebnisse allein nicht mehr ausreichen, um die Anleger zu überzeugen. Insbesondere die Rentabilität der hohen KI-Investitionen wird zunehmend kritisch hinterfragt. Die Unternehmen müssen nicht nur ein starkes Gewinnwachstum vorweisen, sondern auch glaubhaft aufzeigen, dass sich ihre umfangreichen Investitionen langfristig auszahlen. Bereits kleinere Enttäuschungen können deshalb erhebliche Kursreaktionen auslösen.

Marktrotation stärkt die Marktbreite

Die jüngsten Kurskorrekturen sind allerdings nicht ausschliesslich negativ zu beurteilen. Vielmehr deuten sie auf eine zunehmende Differenzierung innerhalb des Aktienmarktes hin. Anleger realisieren einen Teil ihrer hohen Kursgewinne bei Technologiewerten und investieren verstärkt in defensivere Marktsegmente. Im Oktober verzeichneten sieben der elf Sektoren des MSCI All Country World Index Kursgewinne. Während Kommunikations- und Technologiewerte um 12.8% bzw. 7.8% nachgaben, legten Energie (+11.6%), Basiskonsumgüter (+10.1%) und Gesundheit (+9.3%) deutlich zu. Die zunehmende Marktrotation ist grundsätzlich als gesunde Entwicklung zu beurteilen. Eine breitere Beteiligung verschiedener Sektoren reduziert die Abhängigkeit des Aktienmarktes von wenigen Schwergewichten und stärkt seine Widerstandsfähigkeit. Gleichzeitig trägt die kritischere Beurteilung der Unternehmensergebnisse dazu bei, überhöhte Erwartungen abzubauen. Massgebend bleibt, dass die Kurskorrekturen nicht von einer breiten Verschlechterung der fundamentalen Perspektiven begleitet werden.

Fundamentales Umfeld bleibt intakt

Trotz der gestiegenen Nervosität bleibt der Gewinnausblick konstruktiv. Für 2027 wird in den wichtigsten Aktienregionen weiterhin ein solides Gewinnwachstum erwartet. Wie die Grafik zu den Gewinnerwartungen zeigt, liegen die Prognosen insbesondere für die USA und die Schwellenländer über dem durchschnittlichen Gewinnwachstum der vergangenen zehn Jahre. Auch für Europa und die Schweiz wird eine positive Gewinnentwicklung erwartet.

Höhere Zinsen, gestiegene Energiepreise und die Belastungen durch Zölle stellen die Unternehmen allerdings weiterhin vor Herausforderungen. Zudem steigen mit den hohen Gewinnerwartungen die Anforderungen an die künftigen Ergebnisse. Entscheidend für die längerfristige Aktienmarktentwicklung bleibt deshalb, ob es den Unternehmen gelingt, ihre Gewinne nachhaltig zu steigern.

Die robuste Gewinnentwicklung und die breitere Marktpartizipation bilden weiterhin eine wichtige Stütze. Die heftigen Kursreaktionen auf einzelne Gewinnenttäuschungen zeigen allerdings, dass die Nervosität gestiegen ist. Kritisch würde es insbesondere dann, wenn sich negative Gewinnrevisionen auf weitere Sektoren ausweiten und gleichzeitig die Marktbreite nachlässt.

Implikationen für Anlegerinnen und Anleger

Die jüngsten Entwicklungen ändern nichts an der langfristigen Anlagestrategie. Sie sind jedoch ein guter Anlass, das Portfolio zu überprüfen. Nach den hohen Kursgewinnen ist der Technologiesektor in vielen Portfolios stärker vertreten als vorgesehen. Liegt sein Anteil deutlich über der Zielquote, empfiehlt es sich, einen Teil der Gewinne zu sichern und die Position auf ihr ursprüngliches Mass zurückzuführen. Innerhalb des Sektors sind Unternehmen vorzuziehen, deren KI-Investitionen bereits messbar zum Ertrag beitragen. Die frei werdenden Mittel lassen sich in Bereiche umschichten, die von der Rotation profitieren, etwa Gesundheit oder Basiskonsumgüter.

Kurskorrekturen gehören zum Börsengeschehen. Wichtig ist nicht, auf jede Marktbewegung zu reagieren, sondern das Portfolio diszipliniert im Gleichgewicht zu halten. So lässt sich langfristig am Gewinnwachstum der Unternehmen teilhaben.

Dominik Schmidlin

Portraitfoto von Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Anlagestrategie und Analyse
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

Ihr nächster Schritt

Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.