04. August 2026, CIO-Sicht | Zinsen & Geldpolitik
Ende der «Forward Guidance»
Der neue Fed-Chef Kevin Warsh will einiges ändern. Die Finanzmärkte werden vor allem die Abschaffung der «Forward Guidance» bemerken.
Der neue Chef Kevin Warsh will bei der Fed einiges ändern. Vieles davon betrifft Prozesse im Hintergrund oder Randgebiete ihrer Tätigkeit. Die Finanzmärkte werden vor allem die Abschaffung der «Forward Guidance» bemerken. Die Märkte sollen wieder im Ungewissen gelassen werden, in welche Richtung sich die Leitzinsen bewegen werden. Warsh verspricht sich davon mehr Freiraum bei der Gestaltung der Zinspolitik. Die Geldpolitik soll wieder zu einem Mysterium werden. Ob er, wie einst Alan Greenspan, die Märkte stets aufs Neue überraschen will und kann, ist jedoch offen.
Die «Forward Guidance» ist ein Kind der Finanzkrise von 2008. Die Leitzinsen waren praktisch überall bei 0% angelangt. Im Gegensatz zur Nationalbank scheute sich die Fed vor Negativzinsen. Um einen Anstieg der Langfristzinsen zu verhindern, die für die Notenbank schwieriger zu kontrollieren sind als die Zinsen am Geldmarkt, gab die Fed den Kapitalmärkten Hinweise, wie sie den mittelfristigen Zinspfad sieht. Die anderen Zentralbanken, allen voran die EZB, übernahmen mit der Zeit diese Gepflogenheit. Die Investoren richteten sich danach aus. Dadurch wurde es für die Zentralbanken schwieriger, ihre Zinsmeinung zu ändern, ohne zu abrupte Marktbewegungen auszulösen. Dass sie den Inflationsschub 2022 verpassten und die Leitzinsen zu spät anhoben, war möglicherweise eine Folge davon.
Ob die Fed die Märkte künftig über ihre Zinspolitik effektiv im Ungewissen lassen wird, muss sich zeigen. Was wird die Fed unternehmen, wenn die langen Zinsen aus Angst vor steigender Inflation oder vor den wachsenden Schulden des US-Treasury plötzlich stark ansteigen? Die «Forward Guidance» wurde in den letzten Jahren zu stark betont. Es ist jedoch sinnvoll, den Märkten etwas Transparenz über die zinspolitischen Überlegungen zu geben. Man kann es auch subtil machen, so wie es die SNB tut. Mit der Struktur ihrer mittelfristigen Inflationsprognose gibt sie den Finanzmärkten einen Hinweis darauf, in welche Richtung die Zinsen zukünftig tendieren könnten.
Thomas Stucki
8021 Zürich
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