14. September 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht

Bessent vs. Warsh

Die Zinsen in den USA steigen und steigen. Die Bewegung nach oben hat noch einmal an Dynamik zugelegt. Die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Note kratzt an der 5%-Marke.

Im Fokus

Die Zinsen in den USA steigen und steigen. Die Bewegung nach oben hat noch einmal an Dynamik zugelegt. Die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Note kratzt an der 5%-Marke. Die Bemühungen des amerikanischen Finanzministers Bessent zur Senkung der Langfristzinsen wirken hilflos und sind zum Scheitern verurteilt. Wenn jemand die Zinskurve nachhaltig beeinflussen kann, ist das die Fed mit ihren fast unerschöpflichen Mitteln an Geld. Das Sprichwort lautet nicht umsonst «don’t fight the Fed». «Don’t fight Bessent» macht niemandem im Kapitalmarkt Angst.

Lange Tiefzinsphase

Ein Zins von 5% für die 10-jährige US-Staatsanleihe war bis zur Finanzkrise 2008 die Normalität. Auch während Perioden mit einer expansiven Geldpolitik und tiefen Leitzinsen wie während der Dot-Com-Rezession 2003 lag der 10-Jahres-Zins nur knapp unter 5%. Erst durch die Nullzinspolitik der Fed als Reaktion auf die Finanzkrise und durch ihre Kaufprogramme für Treasuries und Mortgage Backed Securities wurden auch die langen Zinsen auf tiefe Niveaus gedrückt. Zudem durchliefen die USA eine Phase mit für ihre Verhältnisse tiefen Inflationsraten. Die Wahrnehmung und Einschätzung vieler Investoren ist durch ein Zinsniveau geprägt, dass in den USA zuletzt ungewöhnlich tief war. Das aktuelle Zinsniveau ist deshalb nicht problematisch. Heikler sind die raschen Veränderungen nach oben.

Tiefzinsphase nicht genutzt

Im Unterschied zur Finanzverwaltung in Bern hat das US-Treasury die tiefen Zinsen jedoch nicht genutzt, um sich über langlaufende Anleihen zu finanzieren und die tiefen Zinszahlungen zu fixieren. Die Finanzierung des US-Haushalts erfolgt schwergewichtig via Treasury Bills über den Geldmarkt oder über kurzlaufende Obligationen. Bis Ende 2027 verfallen 20% der ausstehenden Schulden und müssen refinanziert werden, bis Ende 2028 weitere 15%. Bei einer steigenden Zinskurve profitiert das Finanzamt so von den tieferen Geldmarktzinsen. Auf der anderen Seite sind die Schwankungen im Zinsaufwand sowie die Anhängigkeit von der Zinspolitik der Fed grösser.

Druck auf die Fed steigt

Die Fed ist in einer ungemütlichen Situation. Die Inflation ist hartnäckig hoch. Im Unterschied zur Schweiz beschränkt sich der Preisauftrieb nicht auf die Energieprodukte, sondern zeigt sich auch bei den Dienstleistungen. Ein Absinken der Inflationsrate in den Zielbereich der Fed ist auch bei einem tieferen Erdölpreis unwahrscheinlich. In diesem Umfeld sollte die Fed den Leitzins deutlich anheben und am besten schon am Mittwoch damit beginnen. Höhere Leitzinsen schlagen aber über die kurzfristige Refinanzierung der Schulden direkt auf die Zinskosten des amerikanischen Staates durch, was sowohl Finanzminister Bessent als auch seinem Chef nicht gefallen wird. Die Angriffe Trumps auf die Fed werden noch persönlicher und aggressiver, was die Frage der Unabhängigkeit sowie Zweifel am Willen zur Inflationsbekämpfung aufkommen lässt. Die Folgen davon sind noch höhere Zinsen bei den langlaufenden Obligationen. Dabei wären es gerade höhere Leitzinsen, die dank einer Verflachung der Zinskurve den Druck von den langlaufenden Bonds nehmen würden.

Aktienmarkt

US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.98%, S&P500: +0.86%, Nasdaq: +0.96%

Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.90%, DAX: +0.78%, SMI: +0.26%

Der Anstieg des Erdölpreises über 100 US-Dollar pro Fass macht die Anleger nervös. Höhere Zinserwartungen an die Zentralbanken, steigende Renditen bei den Obligationen und die aufkommende Diskussion um die Gefahren von KI beruhigen sie auch nicht. Der Handel an den Aktenmärkten verläuft entsprechend hektisch und erratisch. Der S&P 500 verlor letzte Woche 0.80%. Die europäischen Aktien sanken 1.06%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Minus von 3.72% abschloss.

Die Blockade der Strasse von Hormus dauert an und mit ihr die Anspannung an den Rohstoffmärkten. Der Ölpreis steigt deutlich über das Vorkrisenniveau. Dennoch erweist sich die Realwirtschaft als widerstandsfähig. Die Unternehmen haben die Folgen des Iran-Kriegs besser verkraftet, als es die Märkte befürchtet hatten. An den Aktienmärkten macht der Technologiesektor weiterhin die Musik. Die Berichte der Cloud-Unternehmen überzeugten bei Umsatz und Gewinn, und Fortschritte in der Monetarisierung von KI zerstreuten die aufgekommenen Zweifel vorerst. Die Berichtssaison der Unternehmen für das zweite Quartal verlief insgesamt erfreulich, mit besseren Ergebnissen in den USA als in Europa. Getragen von einer breiteren Marktbasis präsentiert sich die Entwicklung auf Index-Ebene trotz Rückschlägen robust.

Kapitalmärkte

Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.97%; DE: 3.50; CH: 0.57%

Die hohen Energiepreise lassen die Renditen der Obligationen steigen. In den USA liegt die Rendite der 10-jährigen Treasury Note nur noch knapp unter der Marke von 5.00%. Im Unterschied zu den Renditeanstiegen der letzten Woche schwappt der Druck auf die Zinsen nach oben auch in die Schweiz über.

Währungen

Euro in Franken: 0.946
US-Dollar in Franken: 0.818
Euro in US-Dollar: 1.157

Die Aussicht auf stärkere Zinserhöhungen in den USA und in der Eurozone bei einem gleichzeitigen Status Quo bei der Nationalbank lässt den Franken schwächeln. Interessant wird sein, was die SNB an ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung am 24. September zum Franken zu sagen hat.

Rohwarenmärkte

Ölpreis (Brent): USD 107.33 pro Fass
Goldpreis: USD 4'331.62 pro Unze

Der Erdölpreis ist deutlich gestiegen, nachdem Saudi-Arabien immer mehr Mühe hat, sein Öl über das Rote Meer auf die Weltmärkte zu bringen. Der Anschlag auf die Ölpipeline quer durch das Land hat die Nerven der Ölhändler auch nicht beruhigt. Der Ölpreis wird in den nächsten Tagen entsprechend stark schwanken und auf jegliche Meldungen und Gerüchte reagieren.

Wirtschaft und Konjunktur

USA: Inflationsrate (August)
aktuell: 3.4% (erwartet: 3.4%, Vormonat: 3.4%)

USA: Kernrate der Inflation (August)
aktuell: 2.4% (erwartet: 2.4%, Vormonat: 2.5%)

Der Inflationsdruck in den USA bleibt hoch. Der kürzliche Anstieg der Benzin- und vor allem der Dieselpreise wird den Druck zusätzlich erhöhen. Eine Zinserhöhung der Fed schon in dieser Woche ist damit wahrscheinlicher geworden und wird am Markt nun auch erwartet.

Thomas Stucki

Portraitfoto von Thomas Stucki, Leiter Investment Center bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Investment Center
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

Ihr nächster Schritt

Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.