Neue FCSG-App: KI als Entwicklungsbeschleuniger
Bei der Entwicklung seiner neuen App hat der FC St.Gallen 1879 gezielt auf künstliche Intelligenz gesetzt – vom Konzept über Prototypen bis hin zum Testen. Sandro Dal Farra, Bereichsleiter Digital & ICT beim FCSG, erklärt, wie KI den Entwicklungsprozess beschleunigt hat und weshalb menschliches Urteil trotzdem unverzichtbar bleibt.
Inhaltsübersicht
App als digitale Heimat für die Fans
Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ein digitales Angebot entwickeln, das unterschiedliche Zielgruppen erreicht und tatsächlich genutzt wird. Auch der FC St.Gallen 1879. «Verschiedene Befragungen haben gezeigt, dass sich zahlreiche Fussballfans eine Fan-App wünschen», sagt Sandro Dal Farra, Bereichsleiter Digital & ICT beim FCSG. Die Idee für eine eigene Fan-App entstand bereits vor einigen Jahren. Dabei war für den Club klar: «Wir wollten nicht bloss einen weiteren Kommunikationskanal schaffen, sondern eine digitale Heimat für unsere Fans», sagt Dal Farra. «Von Fans mit Saisonabo über VIP- und Gelegenheitsgäste bis zu jungen Fans – und solchen, die nicht mehr in der Ostschweiz leben, den FCSG aber trotzdem verfolgen.» Im Juli 2026 hat der FCSG schliesslich seine Fan-App lanciert.
Künstliche Intelligenz als zusätzliches Teammitglied
Der Startschuss fiel im Frühling 2026. Auf der Grundlage von Fanbefragungen und der Vision einer eigenen App führten Sandro Dal Farra und sein Projektteam einen zweiwöchigen Konzeptworkshop durch – einen sogenannten Design-Sprint. Zunächst wurden Zielgruppen bestimmt, deren Bedürfnisse analysiert und die verschiedenen Customer-Journeys erfasst – also die Wege der Fans entlang unterschiedlicher Kontaktpunkte. Eine Customer-Journey kann beispielsweise beim Ticketkauf beginnen und über die Anreise, den Stadioneinlass und den Match bis zur Zeit zwischen den Spieltagen reichen. Zudem analysierte das Team Apps anderer Fussballclubs und Sportorganisationen. Eine Besonderheit dieses Digitalprojekts: Das Team setzte von Beginn an auf künstliche Intelligenz. Ziele, Erkenntnisse, Dokumentationen und Zwischenstände wurden fortlaufend in ein KI-Tool eingespeist. Je nach Bedarf übernahm die KI unterschiedliche Rollen. «Mal agierte sie als Workshop-Moderatorin, mal als Expertin für Design und Nutzererlebnis», sagt Dal Farra. «Die KI war für uns ein weiteres Teammitglied.» Dadurch liessen sich Arbeitsschritte, die früher mehrere Tage beansprucht hätten, deutlich beschleunigen.
Vom Konzept zum klickbaren Prototyp
Besonders deutlich zeigten sich die Vorteile des KI-Einsatzes laut Sandro Dal Farra bei der Entwicklung eines ersten testbaren Prototyps: «Wir fütterten die KI mit der groben Struktur und Nutzerführung der App sowie unseren Skizzen und Designvorgaben. Nach dem zweiwöchigen Design Sprint hatten wir einen vollständig klickbaren Prototyp.» So konnte das Team auch die Entwicklung des Fanshops innerhalb der App deutlich beschleunigen. Aus einem Ablaufdiagramm entstand innerhalb weniger Minuten eine klickbare Version mit Produktübersicht, Detailseiten, Warenkorb und Bezahlprozess. «KI macht Ideen früher sichtbar und dadurch auch schneller testbar.» Statt lediglich einzelne Ansichten zu visualisieren, liessen sich komplette Abläufe durchspielen. Das erleichterte auch die Zusammenarbeit mit dem Umsetzungspartner. Screenshots der programmierten App konnten beispielsweise mit dem ursprünglichen Prototyp verglichen und so Abweichungen identifiziert werden. Designregeln, Kontraste und Funktionen liessen sich schneller überprüfen und nachbearbeiten.
Schneller entwickeln, früher verbessern
Wie stark KI die Entwicklung beschleunigen kann, zeigt laut Dal Farra die digitale Tauschbörse für die FCSG-Sammelkarten. Die Sammelkarten erzählen die Geschichte des FCSG: Spieler, Legenden, Trainer, Trikots, Stadien und Momente der Clubgeschichte. Bereits kurz nach dem Start der App habe sich eine aktive Community entwickelt. «Fans tauschten sich über ihre Sammlungen aus und wünschten sich eine Möglichkeit, doppelte Sammelkarten direkt untereinander zu tauschen», sagt Dal Farra. Daraufhin formulierte das Projektteam die Anforderungen, erstellte mithilfe von KI einen ersten Prototyp und testete diesen mit Nutzerinnen und Nutzern. Innerhalb von zwei Tagen wurde die neue Funktion entwickelt. «Eine Idee muss nicht mehr monatelang spezifiziert werden, bevor wir Feedback einholen können», sagt Dal Farra. «Mit Prototypen können wir Ideen früh testen, schrittweise weiterentwickeln und wenn nötig auch wieder verwerfen.»
KI ersetzt kein menschliches Urteil
Trotz der neuen Möglichkeiten warnt Dal Farra vor einem rein technologiegetriebenen Ansatz. «KI beschleunigt viele Arbeitsschritte, ersetzt aber weder Nutzerfeedback noch menschliches Urteil.» Das zeigte sich etwa bei der Ticketweitergabe. Das Projektteam liess die neue App-Funktion von realen Personen testen und beobachtete, wie sie genutzt wurde. Dabei zeigte sich, dass bereits die Bezeichnung eines Buttons zu Missverständnissen führen konnte. Diese wurde nach dem Start der App mehrfach angepasst. Auch KI-Vorschläge müssten laufend überprüft und hinterfragt werden. «Es braucht noch immer Menschen, um eine App zur Marktreife zu entwickeln», sagt Dal Farra.
Interview mit Sandro Dal Farra
«KI hat meinen Handlungsspielraum stark erweitert»
Bereichsleiter Digital & ICT beim FC St.Gallen 1879
Sie sagten, die KI habe im Projekt als zusätzliches Teammitglied agiert. Wie meinen Sie das?
Besonders wertvoll war für mich die zusätzliche Perspektive. Über die KI konnten wir Wissen und Erfahrungen aus unterschiedlichsten Branchen und Anwendungsfällen unmittelbar in die Diskussion einbringen. Sie erinnerte uns zudem immer wieder an unsere Ziele, hinterfragte unsere Ideen und dokumentierte Ergebnisse. Für mich war das ein riesiger Augenöffner.
Wie hat KI Ihre eigene Arbeitsweise verändert?
Sie hat meinen Handlungsspielraum stark erweitert. Früher musste ich für viele Aufgaben konkrete Anforderungen schreiben oder auf technische Unterstützung warten. Dank KI kann ich heute Ideen viel schneller selbst umsetzen, testen und weiterentwickeln. Das verändert die Geschwindigkeit und auch die Art, wie ich an Projekte herangehe.
Kann KI damit menschliche Expertise ersetzen?
Nein. Wir haben erlebt, dass KI-Vorschläge falsch waren oder etwas aus Nutzersicht nicht funktioniert hat. Deshalb braucht es weiterhin Menschen, die testen, hinterfragen und korrigieren. Gerade beim Nutzererlebnis ist reales Feedback entscheidend.
Welche Grenzen ziehen Sie beim Einsatz von KI?
Datenschutz ist für mich zentral. Wir haben interne Richtlinien und sind bei personenbezogenen Daten sehr strikt und vorsichtig. Diese fliessen nicht in externe KI-Systeme.
Welche Empfehlung geben Sie anderen Unternehmen?
Informieren, offen bleiben und vor allem ausprobieren. Die technologische Entwicklung verläuft extrem schnell. Man erkennt das Potenzial oft erst, wenn man selbst mit den Werkzeugen arbeitet. Gleichzeitig sollte man genau wissen, welche Daten man verwendet und wo Grenzen notwendig sind.
Der FCSG ist ein Traditionsverein. Ist KI nicht ein Widerspruch dazu?
Tradition verbietet nicht, innovativ zu sein. Schon 1879 waren jene Menschen innovativ, die in St.Gallen Fussball gespielt und den ersten Fussballclub der Schweiz gegründet haben. Mit neuen Technologien können wir unsere Geschichte sogar weitertragen – beispielsweise mit den digitalen Sammelkarten, die jüngeren Fans die Geschichte des Clubs näherbringen.
KMU-Tipps von Sandro Dal Farra
- Kundennutzen als Startpunkt
Nicht mit der Technologie starten, sondern mit dem Problem, das für Kundinnen und Kunden gelöst werden soll. - Customer-Journey ganzheitlich betrachten
Klar definieren, wo die Customer Journey startet, wo sie endet und welche digitalen sowie persönlichen Kontaktpunkte es aus Kundensicht gibt. - Datenschutz von Beginn an mitdenken
Gerade bei externen KI-Systemen braucht es klare Regeln dafür, welche Daten verwendet werden dürfen. - KI als Sparringspartner einsetzen
KI kann Ideen strukturieren, Varianten entwickeln, Ergebnisse hinterfragen und Prozesse stark beschleunigen. Entscheidungen und Qualitätskontrolle bleiben aber Aufgabe des Menschen. - Früh testen statt fertig entwickeln
Prototypen ermöglichen es, Ideen zu überprüfen, bevor viel Zeit und Geld in die Umsetzung investiert werden. - Durch Feedback dazulernen
Digitale Produkte sind nach der Veröffentlichung nicht fertig. Reale Nutzung und Feedback zeigen, wo Funktionen angepasst oder weiterentwickelt werden müssen. - Über die eigene Branche hinausblicken
Gute Ideen entstehen nicht nur bei direkten Mitbewerbern. Es lohnt sich, sich auch in anderen Branchen und auf anderen digitalen Plattformen inspirieren zu lassen.