Hohe Energiepreise setzen Ostschweizer Export unter Druck
Nachdem die Ostschweizer Industrie zuversichtlich ins neue Jahr gestartet war, haben der Iran-Krieg und die gestiegenen Energiepreise die Aussichten wieder eingetrübt: Die Nachfrage aus Deutschland bleibt schwach, Investitionen werden zurückgestellt und geopolitische Risiken erhöhen den Druck auf Margen und Planungssicherheit.
Schwächere Nachfrage aus Deutschland
Die exportorientierte Ostschweizer Industrie steht bereits seit längerem unter Druck. Die gestiegenen Energiepreise verschärfen die Situation zusätzlich. Wie schon bei den US-Zöllen ist das langsamere Wachstum der Weltwirtschaft die grösste Herausforderung für Unternehmen. Zahlreiche europäische Staaten sind stark von den hohen Energiepreisen betroffen – insbesondere Deutschland, der wichtigste Absatzmarkt der Ostschweizer Industrie. Dort gab es zu Jahresbeginn zwar zaghafte Anzeichen eines Aufschwungs: Die Industrie verzeichnete wieder mehr Aufträge und die Unternehmen zeigten sich in Umfragen verhalten optimistisch. Dieser schwache Aufschwung droht nun jedoch zu enden, bevor er richtig Fahrt aufnehmen kann. Gleichzeitig verschieben Unternehmen angesichts des unsicheren Umfelds Investitionen in Maschinen, Anlagen, Werkzeuge oder Messgeräte. Die schwächere Nachfrage aus Deutschland und die grosse Bedeutung der Investitionsgüterindustrie belasten die Ostschweizer Exportwirtschaft somit gleich doppelt.
Globale Wirtschaft wächst langsamer
Auch ausserhalb Europas dürften die höheren Energiepreise das globale Wirtschaftswachstum bremsen – etwa in den USA. Dank eigener Öl- und Gasvorkommen sind die USA allerdings weniger betroffen als Europa. Zudem bleibt der private Konsum eine zentrale Stütze der amerikanischen Wirtschaft. Besonders der Konsum der Mittel- und Oberschicht hat den Auswirkungen der US-Zölle getrotzt. Die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz treiben das Wachstum zusätzlich an. Auch China, ein weiterer wichtiger Absatzmarkt der Ostschweizer Industrie, dürfte weniger stark unter den Energiepreisen leiden. Dazu trägt insbesondere der hohe Kohleanteil an der Energieversorgung bei. Gleichzeitig kämpft China weiterhin mit strukturellen Problemen: dem schwachen Konsum, der Krise im Immobiliensektor und der alternden Bevölkerung. Die Wirtschaft wächst zwar solide, eine spürbare Belebung zeichnet sich jedoch nicht ab.
Aufwärtstrend von Anfang Jahr hat sich nicht bestätigt
Das schwierige Umfeld macht sich in der Ostschweizer Industrie zusehends bemerkbar. Die Unternehmen schätzen ihre Geschäftslage nur noch als knapp befriedigend ein. Jedes zweite Unternehmen hält seinen Auftragsbestand für zu klein. Besonders die Tech-Industrie bleibt unter Druck. Der Aufwärtstrend zu Jahresbeginn hat sich deutlich abgeschwächt. Auch die Erwartungen für Exportaufträge und Produktion fallen weniger positiv aus. Die Abwärtsrisiken bleiben gross. Je länger die hohen Energiepreise anhalten, desto stärker dürften die negativen Folgen ausfallen. Noch profitieren einzelne Ostschweizer Industrieunternehmen von Vorzieheffekten, weil Kunden aus Sorge vor Lieferengpässen ihre Lagerbestände erhöhen. Neben den gestiegenen Energiepreisen und der schwächeren Nachfrage aus wichtigen Absatzmärkten belasten der starke Franken und die US-Zölle das Umfeld weiterhin. Zwar ist die amerikanische Handelspolitik aufgrund des Kriegs im Iran aus den Schlagzeilen verschwunden, doch sie strapaziert die Ostschweizer Exportwirtschaft nach wie vor erheblich. Daran ändert auch wenig, dass die US-Zölle gegenüber ihren Höchstständen vom Herbst wieder leicht gesunken sind.
Herausgegriffen: Devisenmärkte in Geiselhaft der Geopolitik
Nach der Eskalation im Nahen Osten bekräftigte die Schweizerische Nationalbank (SNB) mehrfach, dass sie bei Bedarf am Devisenmarkt eingreifen würde, um eine starke Aufwertung des Frankens zu verhindern. So gelang es ihr, Aufwertungsspekulationen einzudämmen. Der langfristige Trend hin zu einem stärkeren Franken dürfte dennoch bestehen bleiben. Während der Schweizer Franken seinem Ruf als sicherer Hafen jüngst nur begrenzt gerecht wurde, gehörte der US-Dollar seit Ausbruch des Krieges zu den stärksten G10-Währungen. Er profitierte von hohen Ölpreisen und steigenden Zinserwartungen der US-Notenbank. Anfällig bleibt der Dollar trotzdem. Sobald sich die Lage im Nahen Osten und an den Energiemärkten stabilisiert, dürften ihn andere Faktoren wieder schwächen – beispielsweise politische Risiken und Zweifel an der amerikanischen Fiskalpolitik.