Fischknusperli ohne Fisch gewinnen den «Startfeld Diamanten»
Die innovativsten Ostschweizer Start-ups 2026 sind gekürt: Die Catchfree AG gewinnt mit pflanzlichen Seafood-Produkten den «Startfeld Diamanten», Fortyfour holt mit CO₂-Filter-Technologie den «Rohdiamanten». Die St.Galler Kantonalbank vergab Preisgelder von insgesamt 62’500 Franken. In den Interviews sprechen Damian Borth, neues Jurymitglied, und Dietmar Grichnik, der seine langjährige Jurytätigkeit beendet hat, über KI, Gründerqualitäten und die Entwicklung der Start-up-Szene.
Vom Rohdiamanten zum Innovationsmotor
Durch den Förderpreis «Startfeld Diamant» stärkt die St.Galler Kantonalbank Unternehmen am Innovationsstandort Ostschweiz: mit Kapital, Coaching, Sichtbarkeit und Zugang zu einem starken Netzwerk. So trägt sie dazu bei, dass innovative Ideen in der Ostschweiz wachsen, Arbeitsplätze entstehen und das Unternehmertum langfristig Wirkung entfaltet.
«Startfeld Diamant»: Damit werden Start-ups ausgezeichnet, die sich in der Wachstumsphase befinden. Die St.Galler Kantonalbank unterstützt sie finanziell und begleitet sie auf dem Weg vom vielversprechenden Geschäftsmodell zum marktfähigen Unternehmen.
«Startfeld Rohdiamant»: Diese Auszeichnung wird seit 2022 verliehen. Die St.Galler Kantonalbank prämiert damit Start-ups, die eine vielversprechende Idee verfolgen, sich aber noch in einer frühen Entwicklungsphase befinden.
Gewinner 2026
«Fischknusperli» und «Crevetten» auf pflanzlicher Basis
Das Appenzeller Start-up Catchfree gewann den « Startfeld Diamanten» 2026 – den Preis für Start-ups in der Wachstumsphase. Das Unternehmen produziert tierfreie Seafood-Produkte wie «Fischknusperli» und «Crevetten» für die Gastronomie und beliefert bereits über hundert Betriebe. Das Start-up erhält von der St.Galler Kantonalbank ein Preisgeld von 30’000 Franken. Die beiden anderen Finalisten erhielten je 5’000 Franken: Amela Biosciences entwickelt tierfreie Proteinmaterialien für die In-vitro-Forschung. Ofinto verkauft eigens produzierte Premium-Büromöbel direkt an Kundinnen und Kunden.
CO₂ aus der Luft filtern und es direkt an Pflanzen abgeben
Den mit 10’000 Franken dotierten Förderpreis «Startfeld Rohdiamant» 2026 gewann das Start-up Fortyfour aus St.Gallen. Das Unternehmen produziert Geräte, die Kohlendioxid aus der Luft filtern und direkt vor Ort an Pflanzen abgeben. Hauptabnehmer sind Gärtnereien und Treibhausunternehmen. Die beiden anderen Finalisten erhielten ebenfalls ein Preisgeld von je 5‘000 Franken: Adminity entwickelt eine Open-Source-Grundlage für die IT-Optimierung der öffentlichen Verwaltung. NewsQuant nutzt Sprachmodelle, um Nachrichten zu Rohstoffmärkten in Echtzeit zu analysieren und aufzubereiten.
Ausgewogenes Frühstück im Becher
Den mit 2’500 Franken dotierten Publikumspreis 2026 gewann Yourstarter aus Oberriet. Das Start-up bietet ausgewogene, zeitsparende Frühstücksmischungen im Becher, die nur noch mit Wasser ergänzt und gemixt werden müssen. Yourstarter ging aus 39 Bewerbungen als eindeutiger Sieger hervor. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen rund 20 Mitarbeitende und beliefert bereits 70’000 Kundinnen und Kunden.
Jury «Startfeld Diamant»
Bei der Vergabe des «Startfeld Diamanten» spielt die Jury eine wichtige Rolle. Ihre Mitglieder sind Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Regierung, Start-up-Förderung und Unternehmertum. Sie bringen unterschiedliche Perspektiven ein und beurteilen die Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle. In den Interviews blicken Damian Borth, neues Jurymitglied, und Dietmar Grichnik, der seine langjährige Jurytätigkeit beendet hat, auf die diesjährigen Kandidatinnen und Kandidaten sowie die Bedeutung von Innovation und Unternehmertum in der Ostschweiz.
Interview mit Damian Borth
«Die Amerikaner wollen gewinnen, die Europäer haben Angst zu verlieren»
Neues Jurymitglied von «Startfeld Diamant»
Professor für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen und Leiter des Instituts für Informatik an der Universität St.Gallen
Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe als Jurymitglied bei «Startfeld Diamant»?
Mich interessieren die Ideen und die Menschen hinter den Start-ups. Ebenso reizt mich meine Aufgabe in der Jury: Ich schaue mit meiner KI-Brille auf die Start-ups, während die anderen Mitglieder ihre eigene Expertise und Erfahrung einbringen. So entstehen Diskussionen mit neuen Perspektiven, die den Blick schärfen. Vielleicht gefällt mir eine Start-up-Idee zunächst, aber jemand anderes zeigt mir mit guten Argumenten auf, wo sie Schwächen hat. Genau dieser Austausch macht die Aufgabe spannend.
Ist künstliche Intelligenz weiterhin der Haupttreiber für Start-up-Produkte?
Ich bin dabei nicht neutral, weil ich selbst zu KI forsche. Aber künstliche Intelligenz ist für mich derzeit das spannendste Themenfeld. Dabei stellen sich für mich zwei Fragen: Wie wichtig ist KI wirklich und welchen Mehrwert bietet sie? Und wird sie im Moment so stark gehypt, dass Unternehmensbewertungen und Investments zu hoch sind? In der Jury freue ich mich aber genauso auf andere interessante Start-ups und Ideen.
Befinden wir uns Ihrer Einschätzung nach in einem KI-Hype oder sogar in einer Blase?
Der Wert von KI ist aus meiner Sicht klar gegeben. Sie ermöglicht Automatisierung in vielen Facetten. Ob das aktuelle Momentum aber so substanziell ist, wie es die Bewertungen zurzeit an den Börsen zeigen, wird sich erst noch herausstellen. Bei den grossen US-Technologiefirmen handelt es sich vor allem um ein Versprechen für eine erwartete Zukunft, auf die jetzt viele setzen.
Die USA und China investieren massiv in KI. Sie haben gesagt, Europa habe zwischen diesen rivalisierenden Blöcken nur dann eine Chance, wenn es sich jetzt «zusammenreisse» und attraktive Standards setze. Wie meinen Sie das?
Man kann die europäische Sicht auf die Welt und jene der USA in zwei Sätzen erklären: Die Amerikaner wollen gewinnen. Die Europäer haben Angst zu verlieren. Das liegt nah beieinander, ist aber ein gewichtiger Unterschied. Europa hat bei den ganz grossen Technologiethemen bereits viel verloren. Die USA haben etwa 69 Prozent aller weltweiten Computerressourcen, China 15 Prozent, Europa ist nur bei etwa 6 Prozent. Meine Hoffnung ist, dass Europa im regulatorischen Bereich eine starke Rolle einnehmen kann – als Türsteher für vertrauenswürdige KI. Das heisst: Lasst die Grossen die KI bauen. Wir in Europa sind diejenigen, die darüber befinden, ob künstliche Intelligenz wirklich das tut, was ihre Hersteller versprechen.
Stichwort Gewinnen und Verlieren: Sind die Studierenden, die Sie an der HSG unterrichten, also alles Winner-Typen?
Etwa ein Drittel meiner Studierenden möchte ein Start-up gründen, statt in die Beratung zu gehen. Ich sage gelegentlich: Ja, das Beratungswesen ist super, aber es skaliert nicht. Ihr habt täglich nur 24 Stunden und müsst zwischendurch auch mal schlafen. Ein Start-up dagegen basiert auf der Idee eines skalierbaren Produkts.
Welche Fehler machen Start-ups besonders häufig?
Die klassischen Wissenschaftler gehen oft in die Welt hinaus und wollen Technologie verkaufen. Sie merken aber nicht, dass fast niemand Technologie kaufen will. Der Markt will Produkte und Services kaufen. Die Lücke zwischen Technologie und marktfähigen Services und Produkten wird oft unterschätzt. Daran scheitern viele Ideen und Start-ups. Gute Technologie allein reicht nicht. Entscheidend ist, daraus ein Produkt zu machen, das ein echtes Problem löst und das Kunden kaufen wollen. Viele Gründer haben zudem Mühe, ihr Unternehmen zu skalieren. Sie sind es gewohnt, in einem kleinen, agilen Umfeld mit kurzen Entscheidungswegen zu arbeiten. Wenn das Unternehmen wächst, braucht es jedoch mehr Struktur, klare Rollen und bessere Prozesse. Dieser Wechsel fällt vielen schwer.
Was sollten Gründerinnen und Gründer tun?
Sich Hilfe zu holen, ist wichtig. Manche tun das früher, andere später. Es gibt nur sehr wenige CEOs, die in jeder Phase eines Unternehmens die richtige Person für diese Rolle bleiben.
Welche Rolle spielen die Banken bei KI-Start-ups?
KI-Start-ups sind Deep-Tech-Start-ups mit einem hohen Kapitalbedarf. Deshalb spielen Banken auch in diesem Bereich weiterhin eine wichtige Rolle. Sie können Start-ups finanziell unterstützen – als Investoren oder über Kredite.
Wo sehen Sie die Vorteile der Schweiz?
Die Schweiz bietet eine hohe Lebensqualität. Die Gehälter sind eher mit jenen in den USA vergleichbar als beispielsweise mit jenen in Deutschland. Das macht die Schweiz attraktiver für Talente. Dazu kommt, dass die Schweiz aufgrund ihrer Neutralität und der Wahrnehmung dieser Neutralität im Technologieumfeld anders agieren kann als andere Länder. Ich würde sogar sagen: Wenn es eine Zertifizierungsinstitution für KI-Modelle geben könnte, dann in der Schweiz. Man vertraut uns mehr als anderen. Ich könnte mir eine KI-Aufsichtsbehörde in der Schweiz unter dem Schirm der Vereinten Nationen vorstellen.
Welche Kompetenzen wird der Nachwuchs in den kommenden Jahren brauchen?
Er muss verstehen, wie man KI in einer Wertschöpfungskette sinnvoll einsetzt. Es reicht nicht, nur zu wissen, wie man sie bedient. Der Nachwuchs muss später nicht programmieren, aber verifizieren können, ob der generierte Code das tut, was er soll. Das Verifizieren ist eine Fähigkeit, die in Zukunft immer wichtiger wird und auf keinen Fall abgeschafft werden sollte. Humorvoll formuliert: Wir sollten heute schon anfangen, gesünder zu leben, denn die Ärzte der Zukunft benutzen heute ChatGPT, um ihre Prüfungen zu bestehen.
Portrait Professor Damian Borth
Damian Borth ist Professor für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen und Leiter des Instituts für Informatik an der Universität St.Gallen. Er promovierte an der Universität Kaiserslautern und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Zuvor war er Gründungsdirektor des Deep Learning Competence Center am DFKI in Kaiserslautern und Projektleiter des Nvidia AI Lab. In seiner Forschung beschäftigt sich Damian Borth mit maschinellen Lernverfahren. Dabei geht es darum, aus vielfältigen Datenströmen wie Texten, Bildern, Videos, Audio-, Sensor- oder Messdaten Erkenntnisse zu gewinnen. Ein Schwerpunkt ist die Frage, wie Entscheidungen tiefer neuronaler Netze besser nachvollziehbar werden und so eine vertrauenswürdige KI-Nutzung ermöglichen. Für seine Arbeit wurde Borth auf der GTC Europe 2016 mit dem Best Paper Award von Nvidia und dem McKinsey Business Technology Award 2011 ausgezeichnet.
Interview mit Dietmar Grichnik
«Wichtig sind Authentizität und der richtige Drive»
Ehemaliges Jurymitglied von «Startfeld Diamant»
Professor für Entrepreneurship und Direktor des Instituts für Technologiemanagement (ITEM-HSG) an der Universität St.Gallen
Sie waren seit 2019 Teil der «Startfeld-Diamant-Jury». Wenn Sie auf Ihr erstes Jahr zurückblicken: Wo sind die grössten Unterschiede zu heute?
Bei den Bewerbungen und Preisträgern sehe ich mehr Professionalität. Start-ups sind heute zudem stärker technologisch getrieben. Grösser geworden ist auch die Bandbreite zwischen Start-ups im Ideenstadium und solchen, die schon viel weiter sind. Das hat dazu geführt, dass wir den Preis aufgeteilt haben. Früher gab es nur den «Startfeld Diamant». Seit einigen Jahren unterscheiden wir zwischen dem Rohdiamanten und dem eigentlichen Diamanten, um faire Vergleiche zu ermöglichen. So können wir innovative Projekte früh sichtbar machen und reifere Start-ups für ihre Fortschritte auszeichnen.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit in der Jury erlebt?
Sie ist sehr hochkarätig und bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen. Christian Schmid bringt den Blick aus der Bankbranche ein und schaut die finanzielle Situation der Start-ups jeweils sehr genau an. Die Kreditabteilung der St.Galler Kantonalbank hat die Zahlen vorgängig bereits detailliert analysiert – ein Privileg, das man selten hat. Hinzu kommen prominente Gründerinnen wie Bettina Hein, die das Metier aus eigener internationaler Erfahrung sehr gut kennt. Oder in der Region sehr gut vernetzte Persönlichkeiten wie Markus Bänziger, Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell. Und nicht zuletzt bringt Maria Pappa als Stadtpräsidentin die politische Perspektive ein.
Beim Rohdiamanten geht es vor allem um die Idee, harte Zahlen gibt es kaum. Worauf achten Sie dort besonders?
Originalität spielt eine grosse Rolle. Und wir fragen uns in der Jury: Überzeugen uns die Personen, die vor uns stehen? Passt das Geschäftsmodell zu den Ambitionen, die sie uns präsentieren?
Was unterscheidet erfolgreiche Gründerinnen und Gründer langfristig von anderen? Sind es bestimmte Charaktereigenschaften?
Nein, dafür ist der Mensch zu komplex. Wir haben sowohl sehr introvertierte Gründer als auch Rockstars erlebt. Beide können ihre Stärken haben. Wichtig ist die Authentizität des gesamten Teams. Und der sogenannte Drive. Damit meine ich nicht die so oft bemühte Passion. Ich spreche von einer Energie mit klarer Richtung, die man spürt und die keine KI hervorzaubern kann.
Ist die Ostschweiz ein gutes Pflaster für Start-ups?
Ich finde, die Region ist ein sehr gutes Pflaster. Vielleicht ist sie in vielen Bereichen noch nicht so bekannt. Vor allem ist es eine Region der kurzen Wege, wie es der Kanton St.Gallen ja auch betont. Wir haben hier eine innovative regionale Wirtschaft. Wenn ich in Zürich bin, kommt mir vieles oft umständlicher und bürokratischer vor.
Was hat Sie zu Ihrem Rücktritt aus der Jury bewogen?
Mein zusätzliches Amt als Prorektor der HSG ist sehr zeitintensiv. Deshalb musste ich entscheiden, wo ich meine Schwerpunkte setze.
Portrait Professor Dietmar Grichnik
Dietmar Grichnik ist Professor für Entrepreneurship und Direktor des Instituts für Technologiemanagement (ITEM-HSG) an der Universität St.Gallen. Als Gründer und Co-Direktor des Global Centre for Entrepreneurship and Innovation fördert er HSG-Spin-offs und das Schweizer Start-up-Ökosystem. Er war Dekan und Vorstandsmitglied der School of Management (SoM-HSG). Seit Februar 2024 ist Grichnik Prorektor für Innovation und Qualität an der Universität St.Gallen.