«Horizonte»: die Weltunordnung und ihre Auswirkungen
Im Rahmen des Trend- und Konjunkturforums «Horizonte» der St.Galler Kantonalbank, präsentierten Thomas Stucki, Leiter Investment Center, und Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie & Analyse, ihre Einschätzungen zur globalen, nationalen und Ostschweizer Wirtschaft. Sebastian Ramspeck, Schweizer Journalist und internationaler Korrespondent von SRF, beleuchtete als Gastreferent zudem die «neue Weltunordnung» und deren geopolitische Folgen für die Schweiz.
Stabiler Euro-Franken-Kurs, schwächelnder US-Dollar
«Trotz der tiefen Inflation besteht im Moment weder Bedarf für eine Zinssenkung noch für eine Zinserhöhung», sagte Thomas Stucki, Leiter Investment Center der St.Galler Kantonalbank, am Trend- und Konjunkturforum «Horizonte» 2026 im Einstein Congress in St. Gallen. Auch am Devisenmarkt rechnet der Anlagechef mit Stabilität – zumindest beim Euro-Franken-Kurs. Zunehmend ins Zentrum rücke hingegen der schwächelnde US‑Dollar, der für zahlreiche Unternehmen zum grössten Währungsrisiko werde. Deutschland, der wichtigste Handelspartner der Schweiz, warte weiterhin auf den Aufschwung. Die Euphorie nach dem Amtsantritt von Bundeskanzler Merz sei spürbar abgeflacht.
Binnenmarkt stützt die Wirtschaft
Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie & Analyse bei der St.Galler Kantonalbank, beleuchtete die Lage der Ostschweizer Wirtschaft. «Während sich der Binnenmarkt robust zeigt, bleibt die Situation in der Exportwirtschaft herausfordernd.». Gemäss dem Konjunkturexperten bremst die schwache Nachfrage aus Europa – insbesondere aus Deutschland – die Entwicklung. Zusätzlich würden die US‑Zölle zahlreiche Industrieunternehmen belasten. Für die Schweiz lägen die handelsgewichteten Zollsätze im Durchschnitt bei rund sieben Prozent, im Kanton St. Gallen sogar bei elf Prozent. Dennoch gibt es positive Signale: Schmidlin geht davon aus, dass die Talsohle in der Industrie erreicht ist. Der Binnenmarkt stabilisiere in dieser Phase die Ostschweizer Wirtschaft.
Interview mit Sebastian Ramspeck
«Firmen haben vor allem dann eine Chance, wenn sie Einzigartiges produzieren»
Schweizer Journalist und internationaler Korrespondent von SRF
In einem Gastreferat ordnete Sebastian Ramspeck die aktuellen geopolitischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Schweiz ein. Mit dem schwindenden Einfluss des Westens verliere das internationale Recht an Bedeutung. Gleichzeitig stehe die Globalisierung auf dem Prüfstand. «Zwischen den USA und China wird Europa von der Spielerin zum Spielball.» Die Folgen davon seien auch in der Schweiz spürbar: «Die neue Weltunordnung ist ein Stresstest für den Sonderfall Schweiz.»
Sie haben in Ihrem Referat von einer «neuen Weltunordnung» gesprochen. Was genau meinen Sie damit?
In Europa haben sich viele Selbstverständlichkeiten in Luft aufgelöst. Die USA lassen Zweifel aufkommen, ob sie ihren europäischen NATO-Verbündeten im Kriegsfall als Schutzmacht zur Seite stehen würden. China ist für europäische Firmen nicht mehr in erster Linie Werkbank und Absatzmarkt, sondern hat sie in vielen Sektoren wirtschaftlich und technologisch überholt. Und Russland hat sich vom Gaslieferanten zum Gefahrenherd entwickelt. Auf der ganzen Welt versuchen Grossmächte, um sich herum einen Machtblock zu formen. Konflikte werden zur Normalität, internationale Rechtsnormen drohen zum Auslaufmodell zu werden. All dies trägt zu einem Gefühl der Unordnung bei.
Die Welt bewegt sich gefühlt in Richtung Blockbildung: Auf der einen Seite stehen die USA und der Westen, auf der anderen China und weitere Machtzentren. Welche Chancen oder Risiken sehen Sie dadurch für exportorientierte KMU in der Ostschweiz?
Blockbildung ist für die Schweizer Wirtschaft zunächst einmal ein Problem. Das gilt ganz besonders für exportorientierte KMU, die in der Ostschweiz stark vertreten sind. Geopolitische und geoökonomische Überlegungen tragen dazu bei, dass sich Staaten und Machtblöcke immer stärker abschotten. Die USA setzen auf den «Buy American Act» , die EU will mit «Buy European» antworten. China setzt ohnehin auf eigene Produkte. Firmen haben vor allem dann eine Chance, wenn sie Einzigartiges produzieren. Genau dazu zwingt die Blockbildung hiesige Unternehmen – und kann damit langfristig auch eine Chance sein.
Die Schweizer Neutralität war lange ein Standortvorteil. Gilt das in Zeiten dieser Weltunordnung noch, oder wird sie zunehmend in Frage gestellt?
Nicht erst seit der Wiederwahl Donald Trumps sagt die US-Regierung sinngemäss immer öfter: Entweder ihr macht bestimmte Geschäfte mit uns – oder ihr macht sie mit der Konkurrenz, also mit China. Das gilt für Produkte, die im weitesten Sinne sicherheitspolitisch und geostrategisch relevant sein können. Beispiele hierfür sind Spezialmaschinen oder Hochpräzisionskomponenten. Gefordert wird dann keine Neutralität, sondern eine klare Entscheidung für den einen oder den anderen Block. Für die «Marke» Schweiz bleibt die Neutralität ein Vorteil – gerade bei Finanzdienstleistungen.
Das Verhältnis der Schweiz zur EU ist ein Dauerthema. Wie stark beeinflusst dieser schwelende Konflikt die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft?
Immer öfter fordern EU-Politikerinnen und -Politiker eine «Buy-European»-Politik. Für die Schweiz ist das ein zusätzliches Problem, da die EU mit «European» bisher die EU und allenfalls den EWR gemeint hat, aber nicht die Schweiz. Wie weit die EU diesen «Buy-European»-Ansatz treiben wird, ist offen. Ebenso ist unklar, ob und inwiefern zum Beispiel die Bilateralen III an einer Benachteiligung der Schweiz etwas ändern würden.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie für Ostschweizer KMU die grösseren Chancen – eher im traditionellen US-/EU-Markt oder in den «neuen Machtzentren» wie Asien, Indien und Afrika?
Die EU schwächelt seit Jahren und spielt bei den meisten Zukunftstechnologien keine Führungsrolle. Trotzdem bleibt sie – nicht zuletzt aus geografischen Gründen – unser mit Abstand wichtigster Wirtschaftspartner. Zusammen mit den USA und anderen westlichen Staaten ist sie die wichtigste Umsatzquelle. Aber je unübersichtlicher die Welt wird, desto mehr müssen Firmen und die Schweiz als Volkswirtschaft auf Diversifikation setzen bzw. sich breiter abstützen. China bleibt ein riesiger Wachstumsmarkt, der für Schweizer Firmen aber zunehmend schwieriger wird. Das liegt zum einen daran, dass sich der Staatsapparat und die Kommunistische Partei vermehrt in die Wirtschaft einmischen. Zum anderen versuchen die USA immer stärker, westliche Firmen von Wirtschaftsbeziehungen mit China abzuhalten. Dritter Grund: Vieles, was früher aus Ländern wie der Schweiz importiert wurde, stellen chinesische Firmen mittlerweile selbst her. Indien dürfte zur drittgrössten Volkswirtschaft aufsteigen und massiv in Infrastruktur und Industrie investieren.
Sie sagen, das internationale Recht werde immer weniger beachtet und es gelte zunehmend das Recht des Stärkeren. Was bedeutet das für eine Ostschweizer Firma, die sich bisher auf Verträge, Schiedsgerichte und internationale Abkommen verlassen hat?
Die gute Nachricht: Das internationale Recht umfasst unzählige Verträge, auf denen gerade in Europa die Wirtschaftsbeziehungen beruhen. In den allermeisten Fällen werden diese nach wie vor befolgt. Die schlechte Nachricht: Die Machtpolitik und die Rechtsverstösse der USA, Russlands und anderer Grossmächte führen dazu, dass das internationale Recht insgesamt an Bedeutung verliert. So kommt der Bundesrat beispielsweise gar nicht erst dazu, sich dem Zollhammer von Trump mit einer Klage bei der Welthandelsorganisation (WTO) zu widersetzen – obwohl dieser offensichtlich illegal ist.
Werfen wir einen Blick auf die Ostschweizer Wirtschaft. Industrielle Nischen, starke Familienunternehmen, hohe Ausbildungsstandards: Welche dieser Stärken werden in der neuen Weltunordnung besonders wertvoll?
Die weltpolitischen Spannungen haben der Weltwirtschaft erstaunlich wenig zugesetzt. Das ist der Fähigkeit kleiner und grosser Unternehmen zu verdanken, sich immer wieder an neue Gegebenheiten anzupassen. Flexibilität wird also immer wichtiger. Damit können KMU die Vorteile von Konzernen mit ihren grossen Rechtsabteilungen wettmachen. Die Vorteile des Standorts Schweiz – Rechtssicherheit, politische Stabilität, Ausbildungsstandard und Innovationskraft – sind wichtiger denn je und müssen unbedingt bewahrt werden. Wenn der Wettbewerb härter wird, reicht Innovation allein aber nicht. Firmen müssen auch kreativer werden. Hier gibt es sicher noch Aufholbedarf.