06. Juli 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht

Von Kriegsschock zu Rekordkursen: Ein Halbjahr der Extreme

Die Märkte haben den Kriegsschock verdaut und neue Höchststände erreicht. Die Kursentwicklung steht aber auf immer schmaleren Schultern.

Im Fokus

Wer nach dem unruhigen Jahr 2025 auf ruhigere Zeiten hoffte, wurde bislang enttäuscht. Das erste Halbjahr 2026 blieb von geopolitischen Spannungen geprägt. Zunächst wurde Venezuelas Präsident Maduro durch die US-Armee festgenommen, dann drohte Trump Grönland, die US-Zölle wechselten mehrfach, und ab März belastete der Krieg gegen den Iran. Die Aktienmärkte zeigten sich trotz dieser Widrigkeiten insgesamt robust. Nach der iranischen Hormus-Blockade schürte der Ölpreisanstieg Inflationsängste und belastete die Märkte. Mit dem absehbaren Waffenstillstand Anfang April erholten sich die Börsen jedoch rasch und erreichten, gestützt durch tiefere Energiepreise und neue KI-Euphorie, neue Höchststände. Die von den Anlegerinnen und Anlegern favorisierten Sektoren und Branchen wechselten mehrfach. Der Technologiesektor war zu Beginn des Jahres nicht gefragt, konnte aber in den Monaten April und Mai sehr stark zulegen, bevor die Euphorie im Juni wieder etwas abgenommen hat. Die Investoren fokussieren wieder stärker darauf, was Unternehmen auf absehbare Zeit liefern können. Während KI-Infrastrukturinvestitionen greifbar waren, bleibt deren Monetarisierung schwieriger einzuschätzen. Positive Entwicklungen in der Zukunft werden nicht mehr vorbehaltlos in höhere Bewertungen eingepreist. Auch an den Zinsmärkten drehte das Bild im Jahresverlauf. Die US-Zinssenkungsfantasien verflogen und mögliche Leitzinserhöhungen der amerikanischen Notenbank rückten in den Fokus. Als Folge konnte auch der US-Dollar seinen Abwärtstrend zumindest kurzfristig stoppen und legte gegenüber den meisten Währungen zu. Die Europäische Zentralbank erhöhte im Juni proaktiv die Leitzinsen angesichts steigender Inflationsraten. In der Schweiz bleibt die Inflation mit aktuell 0.5% klar innerhalb des SNB-Zielbands. Die Nationalbank sieht derzeit entsprechend keinen Anpassungsbedarf, stellt sich aber weiterhin gegen eine starke Frankenaufwertung.

Drei Erkenntnisse aus dem ersten Halbjahr

Das Halbjahr hält drei Lehren bereit. Erstens: Die Märkte verarbeiten geopolitische Schocks immer schneller. Selbst die Verluste aus einem monatelangen Krieg mit blockierter Strasse von Hormus waren innert Wochen wieder aufgeholt. Das zeugt von Widerstandskraft, birgt aber auch die Gefahr, dass Risiken zu rasch abgehakt werden. Die wirtschaftlichen Folgen der Blockade wirken verzögert und dürften das Wachstum im zweiten Halbjahr dämpfen, auch wenn die anpassungsfähige Weltwirtschaft einen starken Einbruch verhindern kann.

Zweitens: Das Zinsregime hat gedreht. Statt der erwarteten Lockerungen dominiert nun die Inflationswachsamkeit. Der tiefere Ölpreis dürfte zwar etwas Entspannung bringen, doch die Zentralbanken bleiben vorsichtig. Die Dollarstärke ist primär zinsgetrieben und damit fragil. Endet der zinsbedingte Höhenflug, rücken die Fragen zur Verlässlichkeit der USA als Handelspartner und zur ungebremsten Verschuldung wieder in den Vordergrund.

Drittens: Das wiederholte Hin und Her zwischen den Sektoren ist ein Zeichen dafür, dass zunehmend spekulatives Geld im Markt ist. Auffällig ist zudem die abnehmende Marktbreite. Die neuen Höchststände wurden von immer weniger Titeln getragen, während der Grossteil des Marktes seitwärts tendierte. Gleichzeitig nahm die Dispersion zu. Das bedeutet die Kursentwicklungen einzelner Titel liefen so weit auseinander wie selten, weil der Markt scharf danach trennt, wer von der KI-Investitionswelle profitiert und wessen Geschäftsmodell durch sie bedroht ist.

Der Kursanstieg wurde bislang von realem Gewinnwachstum getragen. Dennoch steigt das Risiko, dass insbesondere Halbleiterwerte die hohen und zuletzt nochmals angehobenen Erwartungen verfehlen. Die jüngste Konsolidierung im Technologiesektor ist daher grundsätzlich gesund. Sie zwingt den Markt zu mehr Selektivität, ohne die robusten längerfristigen Perspektiven des Sektors infrage zu stellen. Je schmaler die Basis der Marktbewegung aber wird, desto grösser ist das Gewicht einzelner Quartalszahlen. Enttäuscht eines der Schwergewichte, fehlt dem Markt die Breite, um den Rückschlag aufzufangen.

Konsequenzen für das Portfolio im zweiten Halbjahr

Wer im Technologiesektor von der Erholung profitiert hat, sollte die Gewinne nicht ungebremst laufen lassen, sondern das Portfolio auf die ursprüngliche Ausrichtung zurückführen. Die Konzentrationsrisiken sind nach dem Kursanstieg grösser geworden, nicht kleiner. Schliesslich lohnt es sich, in den liquiditätsarmen Sommermonaten Reserven zu halten. Die traditionell umsatzschwachen Monate Juli und August mit bis zu 15% tieferen Handelsvolumina begünstigen plötzliche Turbulenzen. Etwas Liquidität zu halten, ist daher kein Ausdruck von Angst vor einer Korrektur. Es schafft vielmehr Handlungsspielraum, falls dünner Handel kurzfristige Verwerfungen eröffnet. Wer dann kaufen kann, statt verkaufen zu müssen, hat vieles richtig gemacht.

Aktienmarkt

US-Aktienmärkte
Dow Jones: +1.14%, S&P500: 0.00%, Nasdaq: -0.80%

Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.82%, DAX: +0.78%, SMI: +0.50%

In der abgelaufenen Woche schürten überraschend schwache US-Arbeitsmarktdaten für Juni neue Zinshoffnungen und trieben die Börsen weltweit an. Der SMI schloss am Freitag erstmals über 14'400 Punkten, was einem Wochenplus von 1.8% entspricht. Auch der breite Swiss Performance Index konnte um 1.9% zulegen und erreichte ebenfalls ein neues Rekordhoch. Die US-Aktienmärkte waren am Freitag im Vorfeld des Independence-Day-Feiertags geschlossen. Der S&P 500 legte letzte Woche 1.8% zu und die europäischen Aktien stiegen 3.1%.

Die Perspektive auf ein Ende des Krieges im Nahen Osten hat die Aktienmärkte gestützt. Dennoch bleiben die Inflationsrisiken erhöht. Die Normalisierung der Lieferketten und der Lageraufbau beim Erdöl benötigen Zeit. Entscheidend bleibt, ob sich Zweitrundeneffekte verfestigen und wie die Notenbanken darauf reagieren. Die US-Wirtschaft zeigt sich robust, während in Europa erste Bremsspuren sichtbar werden. Die Börsen werden weiterhin stark vom Technologiesektor getragen. Hohe Gewinnzuwächse und positive Gewinnrevisionen stützen das Momentum und relativieren die gestiegenen Bewertungen. Die starke Marktkonzentration bleibt jedoch ein zentrales Korrekturrisiko. Aktien bleiben langfristig attraktiv, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die jüngste Kurserholung bietet aber Gelegenheit, einen Teil der erzielten Gewinne zu realisieren.

Kapitalmärkte

Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.48%; DE: 2.94%; CH: 0.34%

Wegen des Independence-Day-Feiertags ruhte in den USA der Handel. Im impulslosen Umfeld tendierten die europäischen Renditen leicht nach oben: Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe stieg um drei Basispunkte, jene des zehnjährigen Eidgenossen um einen. Die Zinsdifferenz zwischen beiden liegt mit 260 Basispunkten nur knapp unter dem Ende März erreichten Allzeithöchststand

Währungen

Euro in Franken: 0.919
US-Dollar in Franken: 0.803
Euro in US-Dollar: 1.144

Der Devisenmarkt zeigte sich am Freitag ausgesprochen ruhig. Die wichtigsten Währungspaare bewegten sich in sehr engen Bandbreiten und traten weitgehend an Ort.

Rohwarenmärkte

Ölpreis (Brent): USD 72.12 pro Fass
Goldpreis: USD 4'176.94 pro Unze

Die Schiffsdurchfahrten in der Strasse von Hormus bleiben gering, während die Gespräche zwischen den USA und dem Iran andauern. Der Erdölpreis zeigt sich davon jedoch weitgehend unbeeindruckt und hat sich in der vergangenen Woche knapp oberhalb von 70 US-Dollar eingependelt.

Gold steuert derweil auf den ersten Wochengewinn seit Mai zu. Der Preis stieg in Richtung 4’200 US-Dollar je Unze und legte im Wochenverlauf rund 2.2% zu. Unterstützung erhält das Edelmetall von nachlassenden Erwartungen an weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank. Schwächere US-Arbeitsmarktdaten und tiefere Energiepreise deuten auf einen geringeren Inflationsdruck in den kommenden Monaten hin. Sinkende Zinserwartungen wirken positiv auf Gold, da höhere Zinsen die Attraktivität des zinslosen Edelmetalls normalerweise belasten.

Wirtschaft und Konjunktur

Es wurden am Freitag keine Konjunkturdaten aus der ersten Reihe publiziert.

Dominik Schmidlin

Portraitfoto von Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Anlagestrategie und Analyse
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

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