04. Mai 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Viel Unsicherheit – auch bei der Fed
Der geldpolitische Entscheid der Fed in der letzten Woche wird nicht als zinspolitisches Ereignis in die Geschichte eingehen. Unsicherheit über die Dauer der Energiekrise und ihre Folgen für die Inflation und die Konjunktur prägte den Bericht.
Im Fokus
Der geldpolitische Entscheid der Fed in der letzten Woche wird nicht als zinspolitisches Ereignis in die Geschichte eingehen. Die wichtigste Nachricht war, das Jerome Powell seinen Sitz als Governor der Fed nach dem Ende seiner Amtszeit als Vorsitzender nicht freigeben wird. Ansonsten prägte die Unsicherheit über die Dauer der Energiekrise und ihre Folgen für die Inflation und die Konjunktur den Bericht. Im März ist die Inflationsrate in den USA um fast 1% und damit stärker gestiegen als erwartet. Die Teuerung ist mit 3.3% bereits wieder auf einem unangenehm hohen Niveau.
Gefühlte Inflation ist hoch
Der durchschnittliche Benzinpreis in den USA ist auf 4.45 US-Dollar pro Gallone gestiegen. Das sind 1.70 US-Dollar mehr als noch im Januar. Beim Detailhandelspreis für Rindfleisch, der vor allem im letzten Jahr deutlich gestiegen ist, gibt es auch keine Entspannung. Entsprechend stark breitet sich bei den Amerikanern das Gefühl aus, dass «alles» teurer wird. Gemäss der Umfrage der University of Michigan erwarten sie in den nächsten zwölf Monaten einen Preisanstieg von 4.7%. Die hohe gefühlte Inflation der Konsumenten und Wähler ist vor allem für die Regierung ein Problem, während sie im Entscheidungsprozess der Fed nicht vernachlässigt, aber auch nicht zu stark gewichtet wird. Sie ist starken Schwankungen unterworfen und wird wieder abnehmen, wenn der Benzinpreis sinkt.
Inflationserwartungen an den Finanzmärkten gut verankert
Die Fed orientiert sich stärker an den mittelfristigen Inflationserwartungen, die sich aus den Preisen der inflationsgeschützten Anleihen herauslesen lassen. Der von der Fed bevorzugt Indikator zeigt in der mittleren Frist eine erwartete Inflation von 2.29% an. Das ist zwar mehr als Ende März, liegt jedoch in ihrem Komfortbereich. Das heisst nicht, dass die Inflationsgefahr von der Fed unterschätzt wird, aber eine voreilige Anpassung der Geldpolitik ist nicht angezeigt.
Spezielle Situation in der Fed
Die Dynamik in der Fed wird sich in den nächsten Monaten stark verändern. Stephen Miran, der nur durch seine konsequente Forderung nach einer Zinssenkung aufgefallen ist, wird durch den neuen Vorsitzenden Kevin Warsh ersetzt. Dieser wird eine Gratwanderung machen müssen. Einerseits darf er Trump nicht zu stark verärgern. Ansonsten würden dessen Angriffe auf die Unabhängigkeit der Fed noch zunehmen. Auf der anderen Seite muss er den Eindruck verhindern, dass er nach der Pfeife Trumps tanzt. Das würde seine Reputation im Gremium und an den Finanzmärkten untergraben. Die drei Vertreter der regionalen Fed-Ableger, die sich dem Hinweis auf mögliche Zinssenkungen in der Mitteilung nach dem letzten Zinsentscheid verweigerten, haben schon mal Stellung bezogen. Die Aufgabe für Warsh wird an Brisanz zunehmen, wenn aufgrund steigender Arbeitslosenzahlen eine Zinssenkung trotz erhöhter Inflation angebracht wäre. Wir gehen aber davon aus, dass sich Warsh in seinen ersten Sitzungen als Präsident nicht stark exponieren will und ein stabiler Leitzins die Folge sein wird.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: -0.31%, S&P500: +0.29%, Nasdaq: +0.89%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: geschlossen, DAX: geschlossen, SMI: geschlossen
Der Handel an den Aktienmärkten wird momentan von den Gewinnpräsentationen der Unternehmen bestimmt. Die Musik läuft in den einzelnen Aktien, während dem Gesamtmarkt eine klare Richtung fehlt. Der S&P 500 legte letzte Woche 0.91% zu. Die europäischen Aktien sanken 0.03%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Minus von 0.25% abschloss.
Die Entwicklung an den Aktienmärkten wird weiterhin durch die Energiepreise geprägt. Wir gehen von einer Normalisierung der Lage im Nahen Osten in den nächsten Wochen aus. Die Folgen der Verknappung der Energieversorgung werden sich jedoch zunehmend zeigen. Reduzierte Fördermengen, tiefe Lagerbestände sowie mögliche Infrastrukturschäden sprechen für anhaltend erhöhte Energiepreise. Der Ölpreis wird mittelfristig zwar sinken, aber über dem Vorkriegsniveau bleiben. Die Notenbanken befinden sich damit im Spannungsfeld zwischen Konjunkturabschwächung und Inflationsrisiken. Die Dynamik der Weltwirtschaft wird sich verlangsamen, bleibt aber auf Wachstumskurs. Die Erholung an den Aktienmärkten in den letzten Wochen ist historisch betrachtet sehr stark ausgefallen. Zahlreiche Indizes konnten neue Höchststände verzeichnen oder notieren nur knapp darunter. Die Auswirkungen der Energieengpässe auf die wirtschaftliche Entwicklung werden momentan ausgeblendet. Aktien bleiben dennoch die beste Anlage, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die Erholung der Kurse kann aber als Gelegenheit genutzt werden, einen Teil der Gewinne der letzten Jahre abzuschöpfen.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.37%; DE: 3.04%; CH: 0.40%
Die geldpolitischen Entscheide bzw. Nichtentscheide der Fed und der EZB haben die Renditen bei den Obligationen nur wenig bewegt. Das ist nachvollziehbar, da keine nennenswerten neue Informationen bekanntgegeben wurden. An den Kapitalmärkten bestimmt nun schon seit längerem die Ruhe den Handel.
Währungen
Euro in Franken: 0.916
US-Dollar in Franken: 0.781
Euro in US-Dollar: 1.173
Der US-Dollar hat wieder etwas verloren, nachdem der Ölpreis gesunken ist. Ein Eigenleben ohne Informationen aus dem Energiesektor scheint es zurzeit am Devisenmarkt nicht zu geben. Stabile Wechselkurse sind für die Unternehmen jedoch nicht das Schlechteste.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 108.06 pro Fass
Goldpreis: USD 4'607.82 pro Unze
Das Auf und Ab beim Ölpreis geht weiter. Solange die Strasse von Hormuz nicht wieder frei passierbar ist, wird es keine nachhaltige Entspannung beim Erdölpreis geben.
Wirtschaft und Konjunktur
USA: ISM Manufacturing (Mai)
aktuell: 52.7 (erwartet: 53.2, Vormonat: 52.7)
Die amerikanische Industrie ist weiterhin gut unterwegs. Auffallend ist, dass die Kosten für die Vorprodukte und die Rohstoffe auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen sind. Das sind nicht gute Nachrichten für die Fed. Die Inflation frisst sich langsam durch den Produktionsprozess hindurch und wird irgendwann auch bei den Konsumenten und damit bei der Inflationsrate ankommen.
Thomas Stucki
8021 Zürich
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