22. Juni 2026, Tägliche Marktsicht | CIO-Sicht
Sonderfall Schweiz
Die Schweiz bleibt hinsichtlich der Inflation ein Sonderfall. Das anhaltende Tiefzinsumfeld prägt damit auch die Anlagestrategie.
Im Fokus
Der Erdölpreis hat letzte Woche zum ersten Mal seit Anfang März wieder die Marke von 80 US-Dollar unterschritten. Hinter dem Rückgang steht die jüngste Entspannung im Konflikt mit dem Iran. Noch vor wenigen Wochen notierte ein Barrel bei knapp 120 US-Dollar. Den Ölpreis zum Gradmesser der Inflation zu erheben, wäre aber ein Irrtum, denn gefährlicher als der Preis ist die Verfügbarkeit. Die amerikanischen Erdölvorräte befinden sich auf dem tiefsten Stand seit 1983. Die Blockade von Hormus hat die Lieferketten für Erdöl, Erdgas und Dünger gestört, und diese Nachwirkungen arbeiten sich noch durch die Wirtschaft. Während die Finanzmärkte mehr oder weniger einen dauerhaften Frieden eingepreist haben, liegen die Frachtraten für Transporte aus dem Nahen Osten nach wie vor rund dreimal so hoch wie vor dem Angriff auf den Iran. Inflation ist zudem selten eine reine Energie-Geschichte. Die grossen Inflationswellen entstanden stets aus einem Zusammenspiel von Angebotsschocks, expansiver Geld- und Fiskalpolitik und Lohn-Preis-Spiralen. In den USA trifft der aktuelle Angebotsschock auf einen bereits erhöhten Inflationsdruck. Die Löhne sind lange überdurchschnittlich gestiegen, die Beschäftigung ist robust, weshalb sich Preiserhöhungen leichter durchsetzen lassen.
Sonderfall Schweiz
In der Schweiz dagegen trifft derselbe Schock auf ein Umfeld der Preisstabilität. Das Gewicht der Energie im Warenkorb ist hier so tief wie kaum anderswo und der starke Franken dämpft den Preisdruck zusätzlich. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihre Inflation im Griff und ihr Track Record ist deutlich besser als jener der meisten anderen Notenbanken. Ihr pragmatisches Inflationsziel verschafft ihr den Spielraum, einen Schock auszusitzen, statt hektisch zu reagieren. Entsprechend kann die Schweiz dem aktuellen globalen Preisdruck so gelassen entgegenblicken wie kaum ein anderes Land. Richtigerweise hat die SNB daher letzte Woche auch keinen Grund gesehen, am aktuellen Null-Zins zu rütteln. Negativzinsen sind in der Schweiz kein Thema mehr, aber Leitzinserhöhungen, wie wir sie zuletzt in Europa und in Japan gesehen haben, ebenso wenig. Für Schweizer Obligationenanleger bedeutet dies, dass weder namhafte Performance durch weiter sinkende Zinsen noch höhere Renditen absehbar sind. Solange die SNB keine Erhöhung andeutet, bleibt daher das Potenzial für höhere Frankenrenditen begrenzt. Für Anleger bleibt die Rechnung damit unbequem. Die Verfallrendite des Swiss Bond Index liegt bei gerade einmal 0.8%. Das bedeutet: Wer in Franken spart, erhält real bestenfalls die Kaufkraft, mehrt aber kein Vermögen.
Was heisst das für Anlegerinnen und Anleger?
An Realwerten wie Aktien führt deshalb weiterhin kein Weg vorbei, denn diese bleiben das beste Instrument, um am Wachstum der Weltwirtschaft teilzuhaben. Aktien trotzen seit Monaten den politischen Unsicherheiten und notieren nahe ihren Höchstständen. Getragen wird die Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten primär vom Technologiesektor. Wichtige Stützen für das positive Momentum sind das aussergewöhnliche Gewinnwachstum sowie anhaltend positive Gewinnrevisionen, welche die Bewertungen trotz gestiegener Kurse nicht teuer erscheinen lassen. Das grosse Gewicht der Technologie-Aktien in den Indizes ist daher nicht Ausdruck einer Bewertungsblase, sondern primär Spiegelbild der Gewinnentwicklung.
Technologie und künstliche Intelligenz sorgen dafür, dass sich die Welt verändert, und Aktien sind ideal, um an dieser Entwicklung teilzuhaben. Das ist jedoch kein Freibrief für maximales Risiko. Wer aus dem sicheren Hafen gedrängt wird, sollte nicht reflexartig zum grössten Wagnis greifen. So zeigt die Kursentwicklung nach dem Börsengang von SpaceX genau das Gegenteil von Disziplin. Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis jenseits des Hundertfachen, eine Bewertung, die bestenfalls nur zur Hälfte nachvollziehbar ist, getragen von einem Narrativ statt von Cashflows. Mit der anstehenden Aufnahme in grosse Indizes und passive Fonds werden solche Titel bei steigendem Free Float in den kommenden Monaten in viele Depots gespült. Umso wichtiger ist es, das Aktienrisiko bewusst breit, qualitäts- und bewertungsorientiert zu wählen. Für Anlegerinnen und Anleger gilt daher: investiert bleiben mit Augenmass, nicht mit Übermut.
Audio-Podcast der SGKB
Was bewegt aktuell über 60 Schweizer Unternehmen? Angela Truniger, Senior Aktienanalystin bei der St.Galler Kantonalbank, spricht mit Fondsmanager Matthias Müller über seine Eindrücke von der Aktienkonferenz im Berner Oberland. Was waren die Highlights und wo gab es Überraschungen? Wie behaupten sich die Firmen in einem wirtschaftlich herausfordernden Umfeld? Mehr dazu im aktuellen Podcast.
Aktienmärkte
US-Aktienmärkte
Dow Jones: +1.41%, S&P500: +1.44%, Nasdaq: +2.74%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +1.71%, DAX: +1.42 %, SMI: +0.48%
Die Aktienmärkte konnten in der vergangenen Woche mehrheitlich zulegen. Zu den wenigen Ausnahmen zählte Grossbritannien. Der marktbreite S&P 500 gewann 1.4%, während der technologielastige Nasdaq um 2.7% stieg. Europäische Aktien legten um 1.7% zu. Der Swiss Performance Index schloss die Woche mit einem Plus von 0.8% ab.
Die Aktienmärkte bewegen sich weiterhin im Spannungsfeld zwischen Inflationssorgen und der starken Gewinndynamik im Technologiesektor. Die vorläufige Waffenruhe im Nahen Osten und der tiefere Erdölpreis sorgten für Entspannung. Die Normalisierung der Lieferketten und der Versorgung dürfte jedoch Zeit benötigen. Für die weitere Inflationsentwicklung bleiben vor allem mögliche Zweitrundeneffekte sowie die Reaktion der Notenbanken entscheidend.
Gleichzeitig steht die Aktienrally zunehmend auf einem schmalen Fundament. Ein grosser Teil der Kursgewinne wird von wenigen Technologiewerten getragen. Dank des aussergewöhnlich starken Gewinnwachstums wirken die Bewertungen trotz deutlich gestiegener Kurse nicht überzogen. Die hohe Konzentration auf einzelne Titel sowie das Thema künstliche Intelligenz bleiben jedoch zentrale Risikofaktoren. Aktien bleiben mittel- bis langfristig die attraktivste Anlageklasse, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Nach den starken Kursanstiegen der vergangenen Jahre bietet es sich jedoch an, einen Teil der erzielten Gewinne zu realisieren.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.45%; DE: 2.99%; CH: 0.37%
In den USA blieb der Handel am Freitag aufgrund des Feiertags Juneteenth geschlossen. In Europa tendierten die Kapitalmarktzinsen leicht höher. Die Rendite der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe stieg um rund 6 Basispunkte und näherte sich damit der Marke von 3%. Die Rendite des 10-jährigen Eidgenossen folgte dieser Bewegung in abgeschwächter Form.
Währungen
Euro in Franken: 0.926
US-Dollar in Franken: 0.807
Euro in US-Dollar: 1.147
Der Franken gab am Freitag sowohl gegenüber dem Euro als auch gegenüber dem US-Dollar leicht nach. Wichtige Konjunkturdaten standen nicht auf dem Programm. Zudem blieben die US-Finanzmärkte feiertagsbedingt geschlossen und fielen damit als Impulsgeber aus.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 80.57 pro Fass
Goldpreis: USD 4'155.71 pro Unze
Der Ölpreis der Sorte Brent stieg am Freitag leicht an und überschritt wieder die Marke von 80 US-Dollar pro Fass. Auslöser waren unter anderem die verschobenen Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Friedensabkommen sowie eine Begrenzung des iranischen Atomprogramms. Dadurch rückten geopolitische Risiken im Nahen Osten wieder stärker in den Fokus.
Der Goldpreis gab erneut nach und steuerte auf den dritten Wochenverlust in Folge zu. Zum Handelsschluss resultierte ein Minus von knapp 1.3%, womit der Rückgang seit Jahresbeginn rund 4% beträgt. Belastend wirkten insbesondere die gestiegenen Zinserwartungen in den USA.
Wirtschaft und Konjunktur
Am Freitag wurden keine Konjunkturdaten aus der ersten Reihe publiziert.
Dominik Schmidlin
8021 Zürich
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