01. Juni 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Sind die Aktienmärkte zu naiv?
Dass die verschiedenen Unruheherde in der Welt sich gelegt hätten, kann man so nicht sagen. Davon ist an den Börsen nichts zu spüren. Der S&P 500 ist neun Wochen in Folge gestiegen und hat in dieser Zeit 19% zugelegt. Der Swiss Performance Index hat in der gleichen Zeit 11% gewonnen.
Im Fokus
Dass die verschiedenen Unruheherde in der Welt sich gelegt hätten, kann man so nicht sagen. Durch die Strasse von Hormus fahren nur wenige Schiffe und der Waffenstillstand zwischen dem Iran und den USA wird immer wackeliger. Lange wurde ein Unterbruch des Transportes von Erdöl und Erdgas aus dem Persischen Golf als grosse Gefahr für die Weltwirtschaft und für die Aktienmärkte betrachtet. Momentan kümmert es die Anleger nicht. Die Angst vor der Inflation lässt die Zinsen langlaufender Obligationen steigen. Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe hat die Marke von 5% überschritten. Das ist ein Wert, der nach Trumps Zollgewitter vor einem Jahr die Aktienmärkte zittern liess. Davon ist an den Börsen nichts zu spüren. Der S&P 500 ist neun Wochen lang in Folge gestiegen und hat in dieser Zeit 19% zugelegt. Der Swiss Performance Index hat in der gleichen Zeit 11% gewonnen.
Lieferketten werden zum Thema
Der Erdölpreis ist wieder gesunken. Die Versorgungslage mit Erdöl und anderen Produkten aus dem arabischen Raum ist aber nicht besser geworden. Die Schäden an der Infrastruktur und der Unterbruch der Schiffstransporte werden die Weltwirtschaft länger belasten. Ein von der New York Fed berechneter Index für die globalen Lieferprobleme ist auf den höchsten Wert seit der Zeit nach Covid gestiegen. Zuvor wurde der aktuelle Wert nur nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 erreicht. Die Unternehmen reagieren darauf, indem sie versuchen, ihre Lager zu füllen. Das stützt die Wirtschaft, erhöht jedoch die Kosten. Die Meldungen über Lieferengpässe werden zunehmen, die Wirtschaft belasten und die Anleger verunsichern.
Halter von Obligationen fürchten sich vor Zinserhöhungen
Die Inflationsraten steigen, insbesondere in den USA und in Grossbritannien. Die Obligationen reagieren mit höheren Renditen, die für die Wirtschaft belastend sind, insbesondere auch über hohe Hypothekarzinsen. Bisher wurde der Anstieg der Inflation durch die höheren Benzinpreise getrieben. Langsam nimmt der Inflationsdruck über die Zweitrundeneffekte auch in den anderen Bereichen zu. Diese Entwicklung werden die Notenbanken genau verfolgen, da dadurch die Gefahr steigt, dass der Preisschub nicht vorübergehend ist. Eine markante Zinserhöhungspolitik der Notenbanken steht nicht vor der Tür, kann aber auch nicht mehr ausgeschlossen werden.
US-Wirtschaft als Fels in der Brandung
Ein wichtiger Faktor für die Aktienmärkte ist der Zustand der US-Wirtschaft. Die amerikanischen Konsumenten sind verunsichert und jammern über die hohen Benzin- und Nahrungsmittelpreise, geben ihr Geld aber mit vollen Händen aus. Das gilt vor allem für diejenigen mit höheren Einkommen. Diese profitieren von steigenden Einkommen, den Steuerrabatten der Regierung und den hohen Aktien- und Immobilienpreisen. Der US-Arbeitsmarkt zeigt sich auch von der stabilen Seite. Der Schwung bei den neu geschaffenen Stellen hat zwar abgenommen. Die Zahl der offenen Jobs ist jedoch anhaltend hoch und die Arbeitslosenrate tief. Dazu kommen die grossen Investitionen der Firmen in die KI-Infrastruktur, die sich zu einem wesentlichen Faktor für die Konjunktur entwickelt haben. Dass die Wirtschaft in den USA gut läuft, zeigt sich auch an den Geschäftszahlen der US-Firmen. Fast alle haben im ersten Quartal die hohen Erwartungen der Analysten übertroffen.
Aktien ja, aber nicht «all-in»
Die Weltwirtschaft wird die Folgen der Schliessung der Strasse von Hormus überstehen. Nach einer Delle wird das Wachstum wieder stärker werden. Dass die Delle nicht zu stark ausfällt, ist der amerikanischen Wirtschaft zu verdanken. Wer an diesem Wachstum der Weltwirtschaft und am Rebound nach dem Ende der Krise im Nahen Osten teilhaben will, kommt um ein gut diversifiziertes Aktienportfolio nicht herum. Aktien in der Breite zu verkaufen, ist daher nicht angebracht. In Titeln, deren Kurs in den letzten Wochen stark gestiegen ist, kann man ein Abschöpfen der Gewinne in Betracht ziehen. Das reduziert das Risiko des Portfolios und gibt ein gutes Gefühl.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.72%, S&P500: +0.22%, Nasdaq: +0.20%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: -0.08%, DAX: +0.05%, SMI: +0.28%
Der Höhenflug an den Aktienmärkten geht weiter. Die unterschiedlichen Signale von Donald Trump zu einem möglichen Abkommen mit dem Iran werden von den Aktienmärkten selektiv wahrgenommen. Positive Hinweise werden mit Käufen quittiert, während negative Aussagen ignoriert werden. Der S&P 500 legte letzte Woche 1.43% zu. Die europäischen Aktien stiegen 0.52%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 0.55% abschloss.
Die Strasse von Hormus bleibt weiterhin blockiert, und die Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien kommen kaum voran. Selbst bei einer zeitnahen politischen Einigung dürften die Energiepreise noch längere Zeit erhöht bleiben. Entsprechend sind die Inflationsraten weltweit deutlich angestiegen. Damit ist auch eine restriktivere Geldpolitik mit höheren Leitzinsen wahrscheinlicher geworden. Die wirtschaftlichen Risiken und die Möglichkeit steigender Leitzinsen werden an den Aktienmärkten bislang weitgehend ausgeblendet. Stattdessen richtet sich der Fokus auf die Gewinnperspektiven der Unternehmen. Diese konnten insbesondere in den USA im ersten Quartal eine sehr starke Entwicklung ausweisen. Im Zentrum des Anlegerinteresses steht erneut der Technologiesektor, der von der wieder erstarkten KI-Euphorie profitiert. Das Momentum am technologiegetriebenen US-Aktienmarkt ist weiterhin positiv. Auch global betrachtet bleiben die Gewinnerwartungen für das laufende Jahr robust. Aktien bleiben die beste Anlage, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die Erholung der Kurse kann aber als Gelegenheit genutzt werden, einen Teil der Gewinne der letzten Jahre abzuschöpfen.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.47%; DE: 2.94%; CH: 0.40%
An den Obligationenmärkten sind die Renditen wieder gefallen. Einen speziellen Grund für die Korrektur nach unten gibt es nicht. Die Inflation wird weiter steigen, wenn auch weniger schnell und weniger stark als teilweise befürchtet. Die Zentralbanken werden in ihren Zinsbeurteilungen eher über Zinserhöhungen als über Zinssenkungen nachdenken. Die Bewegung bei den Renditen nach oben war jedoch zu stark, was an den Märkten eine Gegenreaktion provoziert.
Währungen
Euro in Franken: 0.921
US-Dollar in Franken: 0.783
Euro in US-Dollar: 1.165
Die Kursschwankungen an den Devisenmärkten sind mangels von Impulsen anhaltend gering. Zuletzt wurde der Franken wieder stärker, sowohl zum Euro als auch zum US-Dollar. Die Inflationsdifferenz zwischen der Schweiz und den anderen Währungsregionen wird in den nächsten Monaten grösser werden, was für einen stärkeren Franken spricht. Einen solchen wird die SNB auch zulassen, da es ihr hilft, die Inflation in der Schweiz tief zu halten.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 92.91 pro Fass
Goldpreis: USD 4'511.33 pro Unze
Der Erdölpreis ist auf den tiefsten Wert seit Mitte April gefallen. Im Vergleich zu Anfang Mai ist er 25% tiefer, obschon sich die Lage rund um die Strasse von Hormus nur wenig verändert hat.
Wirtschaft und Konjunktur
Schweiz: KOF - Konjunkturbarometer (Mai)
aktuell: 98.0 (erwartet: 98.0, Vormonat: 97.8)
Die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft sind nach wie vor verhalten. Der von der ETH Zürich berechnete Konjunkturindikator zeigt für die nächsten Monate ein leicht unterdurchschnittliches Wachstum an. Auffallend sind die gegenläufigen Entwicklungen in den verschiedenen Branchen. Während das Verarbeitende Gewerbe weiter unter Druck ist, sieht es für die Finanzbranche besser aus. Eine schlechtere Konsumnachfrage wird durch eine Verbesserung der Nachfrage aus dem Ausland kompensiert.
Thomas Stucki
8021 Zürich
Ihr nächster Schritt
Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Abonnieren Sie die Themen-Newsletter unseres Investment Centers oder verschaffen Sie sich mit unserem kompakten Anlagemagazin /sicht einen Gesamtüberblick.