18. Mai 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Kevin Warsh ist nicht zu beneiden
Kevin Warsh wurde nach langem Tauziehen vom Senat als neuer Fed-Präsident bestätigt. Am 17. Juni wird er seine erste geldpolitische Sitzung leiten. Die Gratwanderung zwischen den Erwartungen von Donald Trump und den Anforderungen einer unabhängigen Zinspolitik auf der Basis der wirtschaftlichen Daten wird für Warsh nicht einfach sein.
Im Fokus
Kevin Warsh wurde nach langem Tauziehen vom Senat als neuer Fed-Präsident bestätigt und wird als Ersatz von Stephen Miran im Führungsgremium der amerikanischen Zentralbank Einsitz nehmen. Am 17. Juni wird Warsh seine erste geldpolitische Sitzung leiten und danach den Medien Rede und Antwort stehen. Donald Trump hat seine Erwartungen an ihn betreffend Zinssenkungen kürzlich noch einmal kundgetan. Die Gratwanderung zwischen den Erwartungen von Trump und den Anforderungen einer unabhängigen Zinspolitik auf der Basis der wirtschaftlichen Daten wird für Warsh nicht einfach sein. Die Finanzmärkte werden genau hinhören, was er zu sagen hat und unerbittlich reagieren, wenn sie das Gefühl haben, dass Warsh zu sehr nach der Pfeife von Trump handelt. Vielleicht sollte er sich noch einmal die Geschichte von Liz Truss anschauen.
Starker Inflationsschub
Die Inflationsrate in den USA ist im April von 3.3% auf 3.8% und damit auf den höchsten Stand seit drei Jahren gestiegen. Stärker gestiegen sind dabei nicht nur die Benzinpreise. Die in der Wahrnehmung der Leute ebenfalls sensiblen Nahrungsmittelpreise haben nach einer leichten Entspannung wieder stärker zugelegt. Zugenommen hat der Preisdruck auch bei den Core-Services, was darauf hindeutet, dass die indirekten Effekte der höheren Energiepreise zu Wirken beginnen. Die Kernrate der Inflation ist im April deshalb auch gestiegen, von 2.6% auf 2.8%. Damit ist sie immer noch tiefer als im letzten Jahr. Der Abwärtstrend bei der Kerninflation in Richtung des Ziels der Fed von 2% ist aber zu Ende und hat gedreht. Der aktuelle Anstieg der Inflation als vorübergehend zu beurteilen, ist nach den letzten Daten nicht mehr opportun.
Stabiler Arbeitsmarkt
Neben der Kontrolle der Inflation muss die Fed in ihrem Auftrag zusätzlich für eine tiefe Arbeitslosenrate sorgen. Zumindest in diesem Feld sieht es für Kevin Warsh besser aus. Die Arbeitslosenrate hält sich mit 4.3% stabil auf einem tiefen Niveau. Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr gleich dynamisch wie in den letzten Jahren. Die Schaffung neuer Stellen hat zuletzt jedoch wieder zugenommen und konzentriert sich nicht mehr nur auf den Gesundheitssektor. Die Zahl der offenen Stellen ist anhaltend hoch und der Anteil der Arbeitnehmenden, die freiwillig ihre Stellen wechseln, bleibt ebenfalls stabil auf einem ansprechenden Niveau. Das sind alles Anzeichen eines soliden Arbeitsmarktes. Mittels einer Zinssenkung einen sich verschlechternden Arbeitsmarkt zu stabilisieren, ist daher nicht nötig.
Grösster Halter von US-Treasuries
Kevin Warsh hat nach der Finanzkrise 2008 seine Stelle als Fed-Governor gekündigt, weil er mit der Ausweitung der Bilanz der Fed durch den Kauf von US-Treasuries und Mortgage Backed Securities nicht einverstanden war. Er hat während des Nominierungsverfahrens bestätigt, dass er die Bilanz der Fed kritisch sieht. Die nach Covid zusätzlich aufgebauten Bestände an Anleihen wurden ab 2023 wieder abgebaut. Ende des letzten Jahres hat die Fed die Reduktion der Bilanz jedoch gestoppt, nachdem die wirtschaftliche Lage unsicherer wurde. Die Fed besitzt immer noch US-Treasuries im Umfang von 4'400 Mrd. US-Dollar und ist damit bei Weitem der grösste Gläubiger des Finanzamts. Die Schulden des amerikanischen Staates werden weiter steigen, nachdem Trump das Geld wieder mit vollen Händen ausgeben will. Die Renditen der langen US-Treasuries sind in den letzten Tagen nach der Publikation der Inflationsdaten stark gestiegen. Diejenige des 30-jährigen Papiers hat die stark beachtete Marke von 5.0% deutlich überschritten, was zu höheren Zinsen für die 30-jährigen Standard-Hypotheken führt. Kevin Warsh wird dies nicht ausser Acht lassen dürfen. Die Bilanz der Fed wird so schnell nicht kleiner werden können.
Vertrauen verdient
Kevin Warsh verdient beim Start seiner Amtszeit das Vertrauen der Finanzmärkte. Er wird sich dem Druck von Trump nicht vollständig entziehen können. Im Unterschied zu den meisten anderen Kandidaten, die in Trumps Reality-Show zur Auswahl des Fed-Präsidenten teilgenommen haben, versteht er aber etwas von Geldpolitik. Zudem ist das Fed institutionell breit abgestützt. Dass Jerome Powell im Gremium verbleibt und Stephen Miran, der nur durch seine abweichenden Meinungen für Zinssenkungen aufgefallen ist, das Feld räumen muss, ist ein positives Zeichen.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: -1.07%, S&P500: -1.24%, Nasdaq: -1.54%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: -1.81%, DAX: -2.07%, SMI: +0.05%
Steigende Renditen an den Obligationenmärkten belasten die Aktien. Ein Ende der Schliessung der Strasse von Hormus ist nicht in Sicht, was die Inflationserwartungen weiter schüren wird. Lange haben die Aktienmärkte dies ignoriert. Nun wird es auch dort zum Thema. Der S&P 500 legte letzte Woche 0.13% zu. Die europäischen Aktien sanken 1.42%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 0.57% abschloss.
Die Entwicklung an den Aktienmärkten wird weiterhin durch die Energiepreise geprägt. Die Folgen der Verknappung der Energieversorgung werden sich zunehmend zeigen. Reduzierte Fördermengen, tiefe Lagerbestände sowie mögliche Infrastrukturschäden sprechen für anhaltend erhöhte Energiepreise. Der Ölpreis wird mittelfristig zwar sinken, aber über dem Vorkriegsniveau bleiben. Die Notenbanken befinden sich damit im Spannungsfeld zwischen Konjunkturabschwächung und Inflationsrisiken. Die Dynamik der Weltwirtschaft wird sich verlangsamen, bleibt aber auf Wachstumskurs. Die Erholung an den Aktienmärkten ist historisch betrachtet sehr stark ausgefallen. Zahlreiche Indizes konnten neue Höchststände verzeichnen oder notieren nur knapp darunter. Die Auswirkungen der Energieengpässe auf die wirtschaftliche Entwicklung werden momentan ausgeblendet. Aktien bleiben dennoch die beste Anlage, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die Erholung der Kurse kann aber als Gelegenheit genutzt werden, einen Teil der Gewinne der letzten Jahre abzuschöpfen.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.63%; DE: 3.17%; CH: 0.54%
Die höher als erwartet ausgefallenen Inflationsdaten in den USA haben die Renditen der Obligationen nach oben gedrückt. Die Rendite der 30-jährigen amerikanischen Staatsanleihe ist mit 5.15% über den Wert des letzten Jahres gestiegen, als die Zölle von Trump Inflationsängste geschürt hatten. Eine rasche Rückkehr zu den tieferen Niveaus von Ende Februar sind nicht zu erwarten. Eine Zinssenkung der Fed ist sehr unwahrscheinlich geworden. Die Renditen der Obligationen in Europa und in der Schweiz haben den Anstieg in den USA wie üblich mitgemacht.
Währungen
Euro in Franken: 0.914
US-Dollar in Franken: 0.787
Euro in US-Dollar: 1.162
Der US-Dollar profitiert von der Erwartung höherer Fed-Zinsen. So richtig ausspielen kann er diesen Steilpass jedoch nicht, da die Schulden der Amerikaner durch den Anstieg der Renditen der US-Treasuries auch zum Thema werden.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 111.22 pro Fass
Goldpreis: USD 4'542.25 pro Unze
Der stärkere US-Dollar und die höheren Zinsen in den USA belasten den Goldpreis. Das ist so eine Art Pawlowscher Reflex und darf nicht überinterpretiert werden. Zuletzt hat sich der Goldpreis auf seinem hohen Niveau gut gehalten.
Wirtschaft und Konjunktur
Es wurden keine nennenswerten Konjunkturdaten publiziert. Diese Woche steht diesbezüglich auch nicht viel auf dem Programm.
Thomas Stucki
8021 Zürich
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