09. März 2026, Aktienmärkte | CIO-Sicht | Konjunktur | Meine Anlagewelt | Rohstoffe | Währungen

Der Krieg im Nahen Osten macht die Energiemärkte nervös

Der Krieg im Nahen Osten geht in seine zweite Woche. Durch die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus sind die Preise für Erdöl und Erdgas in den letzten Tagen erheblich angestiegen. Dies hat auch an den Aktienmärkten zu Verlusten geführt. Die weitere Entwicklung hängt wesentlich davon ab, wie lange die Beeinträchtigung der Seewege anhalten wird.

Steiler Anstieg des Ölpreises 

Auch in der zweiten Woche des Krieges im Nahen Osten steht aus Sicht der Finanzmärkte die Lage in der Strasse von Hormus im Fokus. Der Schiffsverkehr in der strategisch wichtigen Seestrasse ist für Lieferungen aus dem Persischen Golf nahezu zum Erliegen gekommen. In diesem Kontext ist der Ölpreis heute erstmals seit 2022 auf über 100 Dollar pro Fass angestiegen. Die Blockade des Schiffswegs führt mittlerweile auch zu Einschränkungen der Fördervolumen. Beispielsweise hat Saudi-Arabien aufgrund sich rasch füllender Lagerbestände damit begonnen, seine Ölproduktion zu drosseln. Der weltgrösste Erdölexporteur versucht zudem, einen Teil seiner Lieferungen über das Rote Meer umzuleiten. Saudi-Arabien produziert rund 10 Mio. Fass Erdöl pro Tag und exportiert etwa 7 Mio. Fass pro Tag. Die Produktionskürzungen folgen ähnlichen Schritten anderer Golfstaaten, die ihre Förderung vorsorglich drosseln, um die Lagerkapazitäten nicht zu schnell zu überlasten. Von diesen Massnahmen betroffen sind insbesondere asiatische Länder, speziell China und Indien. In diese Länder geht der Hauptteil des Erdöls, welches die Strasse von Hormus passieren muss.

Quelle: SGKB, U.S. EIA, Daten per 1. Quartal 2025
Gestiegener Erdgaspreis betrifft Europa

Auch der Preis für Flüssigerdgas hat seinen steilen Anstieg in den letzten Tagen fortgesetzt. Der für Europa richtungsweisende Terminkontrakt TTF an der Börse in Amsterdam hat sich seit Wochenfrist auf rund 60 Euro pro MWh verdoppelt. Das aktuelle Preisniveau liegt jedoch weiterhin deutlich unter dem Niveau von 2022, als Russland seinen Angriff auf die Ukraine begann und der europäische Erdgaspreis einen Höchststand von über 300 Euro pro MWh erreichte. Die Exporte von Flüssigerdgas aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten machen etwa ein Fünftel der weltweiten Versorgung aus und sind nun vom Iran-Krieg direkt tangiert. Auch europäische Länder beziehen einen wesentlichen Teil ihres Flüssigerdgases aus Katar.

Quelle: SGKB, S&P Global Energy, 2025
Lage in der Strasse von Hormus entscheidend

In den letzten Tagen wurden in verschiedenen Staaten Abfederungsmassnahmen diskutiert. Die G7-Staaten beraten aktuell über eine mögliche Freigabe strategischer Reserven. Auch innerhalb der US-Administration wird ein solcher Schritt erwogen. Zudem haben die USA staatliche Angebote für Versicherungsschutz für Öltanker in der Strasse von Hormus angeregt. Auch wird über eine Schiffseskorte in der betroffenen Region diskutiert.

Für eine deutliche Entspannung der Energiemärkte ist jedoch eine Beruhigung der Lage an der Strasse von Hormus notwendig. Wann dies der Fall sein wird, lässt sich im Moment nicht abschätzen. Sowohl eine baldige Beruhigung als auch eine länger anhaltende Blockade der Schiffspassage ist denkbar. 

Wie reagieren die Finanzmärkte?

Seit dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran haben die Aktienmärkte zum Teil deutlich korrigiert. Der amerikanische Aktienmarkt zeigt sich bis anhin bemerkenswert robust und verzeichnete letzte Woche ein minus von lediglich 2%. Am stärksten unter Druck sind bis jetzt mit -7% bis -10% die asiatischen und europäischen Aktienmärkte geraten (Stand: 14 Uhr MEZ). Der SPI notiert seit Kriegsausbruch mit rund 8% im Minus. Damit notieren die Aktienmärkte in Europa und den USA in etwa wieder auf dem Niveau von Anfang Dezember.

Gefragt ist bei geopolitischer Unsicherheit hingegen der US-Dollar, welcher gegenüber dem Franken seit Anfang letzter Woche um 1.3% zulegen konnte. Wie sich die Finanzmärkte weiter entwickeln, hängt vor allem davon ab, wie es beim Erdölpreis weitergeht.

Geringe Effekte auf Weltwirtschaft erwartet

Politische Ereignisse können zwar kurzfristig erhebliche Marktreaktionen auslösen. Sobald der erste Schock verarbeitet ist, richten Anlegerinnen und Anleger ihren Fokus jedoch meist wieder auf die mittelfristig relevanten Fundamentalfaktoren. Bei früheren Konflikten in der Region reagierten die Börsen in der Regel nur vorübergehend. Entscheidend für die mittelfristigen Auswirkungen eines Krieges sind die möglichen Folgen für die Weltwirtschaft. Da der Iran und die anderen Länder des Nahen Ostens nicht zu den globalen Wachstumsmotoren gehören, stehen die Auswirkungen via der Energiepreise im Zentrum. Bleiben diese über längere Zeit erhöht, hätte dies Auswirkungen auf die globalen Inflationsraten. Hinzu kommen Mehrkosten für energieintensive Industrien. Stand jetzt erwarten wir aber, dass sich diese Auswirkungen in Grenzen halten werden. Gerade in westlichen Volkswirtschaften ist der Anteil von Öl und Gas am Energiemix nicht mehr so gross wie früher. Zudem beträgt beispielsweise in den USA das Gewicht der Energiepreise im für die Inflationsmessung massgebenden Warenkorb nur rund 6%. Ebenso gibt es – im Unterschied zum Jahr 2022 und dem Angriff Russlands auf die Ukraine – keine Anzeichen einer gleichzeitigen Disruption der globalen Lieferketten. Für einen wesentlichen Einfluss auf die Weltwirtschaft und die Entscheide der grossen Notenbanken müssten die Energiepreise über längere Zeit auf einem hohen Niveau verbleiben.

Implikationen für Anlegerinnen und Anleger

Auf geopolitisch bedingte Marktbewegungen sollten Anlegerinnen und Anleger auch in der aktuellen Situation nicht überhastet reagieren. Die bisherigen Reaktionen an den Aktienmärkten entsprechen weitgehend den Mustern früherer Konfliktphasen. Dabei waren typischerweise Korrekturen von 10-15% zu verzeichnen. Trotz alarmistischer Schlagzeilen ist es ratsam, Ruhe zu bewahren und die weitere Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Für risikobewusste Anlegerinnen und Anleger kann die aktuelle Lage auch Chancen eröffnen. Für alle anderen ist entscheidend, die Aktienquote so zu wählen, dass sie auch in volatilen Marktphasen gut tragbar bleibt. Ein breit diversifiziertes Portfolio mit qualitativ starken und etablierten Unternehmen bleibt die beste Grundlage, um die bestehenden Unsicherheiten zu überstehen.

 

Roman Elbel

Portraitfoto von Roman Elbel,  bei der St.Galler Kantonalbank
Senior Strategieanalyst
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

Daniel Wachter

Portraitfoto von Daniel Wachter,  bei der St.Galler Kantonalbank
Senior Strategieanalyst
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

Dominik Schmidlin

Portraitfoto von Dominik Schmidlin,  bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Anlagestrategie und Analyse
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

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