08. Juni 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Der Euro bleibt ein Schönwetterkonstrukt
Am Donnerstag wird die EZB wahrscheinlich als erste der grossen westlichen Zentralbanken ihren Leitzins anheben, von 2.00% auf 2.25%. Das entspricht den Markterwartungen und den Aussagen verschiedener Vertreter der EZB. Ob die Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt nötig und richtig ist, kann unterschiedlich beurteilt werden.
Im Fokus
Am Donnerstag wird die EZB wahrscheinlich als erste der grossen westlichen Zentralbanken ihren Leitzins anheben, von 2.00% auf 2.25%. Das entspricht den Markterwartungen und den Aussagen verschiedener Vertreter der EZB. Ob die Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt nötig und richtig ist, kann unterschiedlich beurteilt werden. Die Inflationsrate in der Eurozone ist auf 3.2% und damit deutlich über den Zielwert der EZB gestiegen. Die Kernrate bewegt sich jedoch nur wenig und liegt mit 2.5% in einem vertretbaren Bereich. Das Wachstum in der Eurozone hat sich verlangsamt, wobei die Daten des ersten Quartals durch die Zahlen aus Irland, welche aufgrund des hohen Gewichts der aus Steuergründen formal ansässigen internationalen Konzerne starken Schwankungen unterliegen, nach unten gedrückt werden. Der Euro hielt sich zuletzt wacker, nachdem er bis Mitte März zum Franken drei Rappen verloren hatte und fast auf 0.90 Franken gesunken war.
Momentane Ruhe in der Eurozone
Rund um die Eurozone ist es momentan ruhig. Die Zweifel an der Kreditfähigkeit Frankreichs, die im letzten Sommer mangels Regierung aufgekommen waren, sind verstummt. In Italien nehmen die politischen Spannungen nach der von der Regierung verlorenen Abstimmung über die Justizreform zu. Für italienische Verhältnisse köcheln sie aber auf sehr tiefer Flamme. Die Kreditrisikoprämie Italiens im Vergleich zu deutschen Anleihen ist mit 0.75% immer noch gering. Die Regierung von Georgia Meloni hat das Budget, auch dank den Geldern aus Brüssel, mit einem Defizit von 3.1% des BIP unter Kontrolle. Der Euro profitiert zudem vom Vertrauensverlust des US-Dollar bei internationalen Investoren. Der Anteil des Euro bei den Devisenreserven der Zentralbanken erhöhte sich im letzten Jahr von 19% auf 20%. Das tönt nicht nach viel, entspricht aber zusätzlichen Investitionen in Euro-Anleihen von 330 Mrd. Euro.
Strukturelle Probleme sind ungelöst
Die Probleme des Konstruktes Eurozone sind aber immer noch die gleichen. Die wirtschaftlichen und strukturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Euroländern sind gross und das Wachstum bescheiden. Die finanzielle Disziplin ist in vielen Ländern gering. Wie lange sie in Italien anhalten wird, wird sich zeigen müssen. Da die Eurozone und die EZB über keine wirksamen Sanktionsmechanismen verfügen und ein Zwangsaustritt in den Verträgen nicht vorgesehen ist, wird das Konstrukt immer wieder hinterfragt werden.
EZB verzettelt sich
Die EZB ist die einzige verbindende Institution in der Eurozone. Der EZB-Rat als geldpolitisches Entscheidgremium ist mit 24 Mitgliedern aufgebläht und viel stärker politisch bestimmt als die Spitzen anderer Zentralbanken. Entsprechend sensibel reagiert die EZB auf Kritik, wie sie nach dem letzten Anstieg der Inflation zurecht geäussert wurde. Schon kurz nach dem Ausbruch des Krieges im Iran hat die Kommunikation von Frau Lagarde in Richtung rasche Zinserhöhung gewechselt. Dass die EZB nun proaktiv mit Zinserhöhungen beginnen wird, überrascht daher nicht. Zudem verzettelt sich die EZB. Dass sie etwas gegen den Klimawandel tun will, ist ja gut, aber nicht ihr gesetzlicher Auftrag. Mit der Geldpolitik kann das Klima nicht gerettet werden. Sie ist da, um die Preise unter Kontrolle zu halten und die Konjunktur zu steuern. Alles andere führt nur zu unnötigen Einschränkungen und zu falschen Anreizen.
Der Euro ist nicht sturmerprobt
Sobald es geopolitisch oder wirtschaftlich kritischer wird, kommt der Euro unter Druck. Das hat sich im März gezeigt, als nach dem Ausbruch des Krieges im Iran der Euro sowohl zum US-Dollar als auch zum Franken an Wert verloren hat. Sofort hiess es, die Wirtschaft in der Eurozone sei zu stark abhängig von fossilen Energieträgern und werde überdurchschnittlich leiden. Dabei wurden durch die Schliessung der Strasse von Hormus in erster Linie Länder in Asien getroffen. Krisen irgendwelcher Art folgen sich in unregelmässigen Abständen und wird auch in Zukunft geben. Das Vertrauen in die Eurozone steht dabei jedes Mal auf wackeligen Füssen. Der Euro hat sich vom Einbruch im März wieder etwas erholt und kann sich über der Marke von 0.90 Franken halten. Der nächste Schwächeanfall kommt aber bestimmt. Der Kurs zum Franken wird unter 90 Rappen fallen. Die Frage dabei ist nicht «ob», sondern «wann».
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: -1.35%, S&P500: -2.64%, Nasdaq: -4.18%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: -0.68%, DAX: -0.75%, SMI: +0.35%
Die Technologieaktien sind am Freitag massiv unter Druck geraten. Enttäuschende Zahlen von Broadcom und starke US-Arbeitsmarktzahlen, welche neue Zinsbefürchtungen auslösten, waren eine schlechte Mischung. Nach dem eindrücklichen Höhenflug der letzten zwei Monate war eine Korrektur überfällig. Der S&P 500 verlor letzte Woche 2.59%. Die europäischen Aktien stiegen 0.19%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Minus von 1.21% abschloss.
Die Strasse von Hormus bleibt weiterhin blockiert, und die Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien kommen kaum voran. Selbst bei einer zeitnahen politischen Einigung dürften die Energiepreise noch längere Zeit erhöht bleiben. Entsprechend sind die Inflationsraten weltweit deutlich angestiegen. Damit ist auch eine restriktivere Geldpolitik mit höheren Leitzinsen wahrscheinlicher geworden. Die wirtschaftlichen Risiken und die Möglichkeit steigender Leitzinsen wurden an den Aktienmärkten bislang weitgehend ausgeblendet. Stattdessen richtet sich der Fokus auf die Gewinnperspektiven der Unternehmen. Diese konnten insbesondere in den USA im ersten Quartal eine sehr starke Entwicklung ausweisen. Auch global betrachtet bleiben die Gewinnerwartungen für das laufende Jahr robust. Aktien bleiben die beste Anlage, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die Erholung der Kurse kann aber als Gelegenheit genutzt werden, einen Teil der Gewinne der letzten Jahre abzuschöpfen.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.57%; DE: 3.04%; CH: 0.44%
Die Zinsentwicklung am Kapitalmarkt wird aktuell stark von kurzfristigen News bestimmt. Der Hauptreiber ist dabei die Erwartung an die Zinspolitik der Fed. Sinkt der Erdölpreis aufgrund von Meldungen über eine mögliche Einigung im Iran, sinken die Inflationserwartungen und die Renditen der Obligationen. Meldet das US-Arbeitsamt mehr neue Stellen als erwartet, steigen sie wieder. Was in diesem Umfeld abhandenkommt, ist eine verlässliche Orientierung.
Währungen
Euro in Franken: 0.919
US-Dollar in Franken: 0.797
Euro in US-Dollar: 1.153
Der US-Dollar hat mit Kursgewinnen auf die überraschend positiven Arbeitsmarktdaten reagiert. Allzu viel sollte man in diese Bewegung jedoch nicht hineininterpretieren. Der Greenback profitiert davon, dass sich die US-Wirtschaft trotz des Gegenwindes durch die hohen Energiepreise besser hält die Konjunktur in anderen Ländern. Ein Dekret oder eine Aussage von Trump kann das Ganze relativ einfach drehen und das Vertrauen in den US-Dollar wieder schwächen.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 97.12 pro Fass
Goldpreis: USD 4'306.11 pro Unze
Nach den US-Arbeitsmarktzahlen ist der Goldpreis unter Druck geraten. Der stärkere US-Dollar und gestiegene Zinserwartungen haben dem Gold zugesetzt. Zuletzt fehlten dem Gold die Impulse. Ein kurzfristiges Auf und Ab ohne klare Richtung ist die Folge.
Wirtschaft und Konjunktur
USA: Non Farm Payrolls (Mai)
aktuell: 172’000 (erwartet: 88’000, Vormonat: 179’000)
USA: Arbeitslosenrate (Mai)
aktuell: 4.3% (erwartet: 4.3%, Vormonat: 4.3%)
Der amerikanische Arbeitsmarkt zeigt sich widerstandsfähig. Im Mai wurden mehr neue Stellen geschaffen als erwartet. Zudem wurden die Zahlen aus dem Vormonat nach oben revidiert. Die neuen Stellen verteilen sich breit über verschiedene Sektoren. Die Arbeitslosenrate verharrt mit 4.3% auf einem für US-Verhältnisse tiefen Stand. Für die Fed heisst das, dass sie sich bei ihren Zinsentscheiden auf die Inflationsentwicklung konzentrieren kann.
Thomas Stucki
8021 Zürich
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