02. April 2026, Aktienmärkte | CIO-Sicht | Konjunktur | Meine Anlagewelt | Rohstoffe
1 Monat Krieg im Nahen Osten: Eine Zwischenbilanz
Der Krieg im Nahen Osten dauert schon über einen Monat. Durch die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus sind die Energiepreise erheblich angestiegen und an den Aktienmärkten ist es zu Korrekturen gekommen. Die Tagesbewegungen sind gross. Zeit für eine Zwischenbilanz und einen Blick nach vorne.
Alle Augen auf den Ölpreis
Der Krieg im Iran dauert nun schon seit über einem Monat. Aus Sicht der Finanzmärkte steht weiterhin die Lage in der Strasse von Hormus im Fokus. Mit wenigen Ausnahmen ist dieses Nadelöhr für den Öl- und Gashandel weiterhin blockiert. Parallel dazu führen teils widersprüchliche Meldungen zu Verhandlungen und militärischer Angriffe zu grosser Volatilität an den Finanzmärkten. Im Zentrum steht dabei der Ölpreis. Der Preis für ein Fass der Nordsee-Sorte Brent schwankte in den letzten Tagen im Bereich von 100-120 US-Dollar. Einzelne Tageshöchststände kratzen an den Preisen von 2022 nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs.
Korrektur an den Aktienmärkten
Die Aktienmärkte reagieren im Moment sehr sensibel auf die Bewegungen des Ölpreises. Seit Kriegsbeginn haben die massgebenden Leitindizes zum Teil erhebliche Korrekturen verzeichnet. Durch den positiven Jahresstart halten sich die Kursrückgänge insgesamt in Grenzen.
Die entscheidende Frage: «Wie lange noch?»
Die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten hängt wesentlich davon ab, wie lange die hohen Energiepreise noch anhalten werden. Daraus ergibt sich die Höhe der Effekte auf Wachstum und Inflation als zentrale Treiber der Aktienmärkte. Vor diesem Hintergrund gilt das Interesse der Strasse von Hormus. Wie lange diese noch blockiert bleibt, hängt vom weiteren Kriegsverlauf und dem Ergebnis möglicher Verhandlungen ab. Die Signale diesbezüglich sind nicht eindeutig. US-Präsident Trump sprach diese Woche davon, dass der Krieg noch zwei bis drei Wochen andauern werde. Inwiefern ein Ende oder eine Reduktion der US-Angriffe aber auch eine massgebliche Öffnung der Strasse von Hormus zur Folge haben würden, lässt sich im Moment nicht abschätzen. Allein geografisch bedingt hat der Iran grossen Einfluss auf die Seestrasse und dürfte diese Trumpfkarte kaum vorschnell aus der Hand geben. An den Futures-Märkten wird aktuell damit gerechnet, dass der Ölpreis erst im Dezember wieder in den Bereich von 80 US-Dollar fallen wird. Diese Einschätzung kann sich aber rasch wieder ändern.
Länder sind unterschiedlich stark exponiert
Die volkswirtschaftlichen Effekte der höheren Energiepreise ergeben sich über mehrere Kanäle. Direkt betroffen sind beispielsweise die Preise für Benzin und Diesel, welche wiederum die Preise für Transportdienstleistungen beeinflussen und sich damit auch auf weitere Güter auswirken. Höhere Preise verringern die Kaufkraft von Konsumenten und zwingen Zentralbanken zu einer tendenziell restriktiveren Geldpolitik. Die potenzielle Grösse dieser Effekte ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren und von Land zu Land verschieden. Wichtig sind beispielsweise (a) das Gewicht von Öl und Gas im jeweiligen Energiemix, (b) eigene Ressourcenvorkommen sowie (c) Abhängigkeiten von Lieferungen aus dem Nahen Osten.
Der Vergleich entsprechender Zahlen zeigt, dass asiatische Länder wie Südkorea, Japan oder Indien deutlich stärker exponiert sind als andere Volkswirtschaften. Grund dafür sind deren hohe Abhängigkeiten von Öl- und Gasimporten allgemein und spezifisch von solchen aus dem Nahen Osten. Auch europäische Staaten, inklusive der Schweiz, beziehen beträchtliche Mengen an Öl und Erdgas aus dem Ausland und sind damit von den höheren Preisen betroffen. Der Nahe Osten spielt als Zulieferregion aber eine geringere Rolle. Aus Sicht der Weltwirtschaft positiv ist die im Vergleich mit anderen Ländern moderate Exposition der USA und China. Während die USA ein Netto-Exporteur von Öl- und Erdgas sind, produziert China immer noch einen wesentlichen Teil seiner Energie aus Kohle.
Reaktion von Zentralbanken wichtig für Märkte
Die Gefahr höherer Inflationsraten wirft auch die Frage nach der Reaktion der Zentralbanken auf. Da diese den Ölpreis selbst nicht beeinflussen können, werden sich ihre Reaktionen auf mögliche Zweitrundeneffekte fokussieren. Als Indikator dafür gelten die langfristigen Inflationserwartungen. Diese haben sich bisher zwar erst wenig verändert. Trotzdem haben sich die Zinserwartungen an den Märkten in den letzten Wochen erheblich verschoben. An den Futures-Märkten wird für die USA bis Ende Jahr neu mit keinen weiteren Zinssenkungen mehr gerechnet. Für die Eurozone und die Schweiz werden aktuell sogar Zinserhöhungen erwartet.
Höhere Energiepreise stellen Zentralbanken vor die Herausforderung, dass ihre Effekte auf Inflation und Wachstum gegenläufige geldpolitische Reaktionen erfordern. Entsprechend sind ihre Handlungsspielräume teilweise eingeschränkt. Analogien zum Ölpreisschock der 1970er Jahre und die Gefahr einer globalen Stagflation sind derzeit jedoch übertrieben. Die Weltwirtschaft ist heute deutlich weniger abhängig von Öl und Gas. Zudem unterscheidet sich die Situation in den USA grundlegend, da das Land inzwischen ein bedeutender Exporteur von Öl und Gas ist. Trotzdem könnten hohe Energiepreise über längere Zeit Volkswirtschaften empfindlich treffen. Dies zeigt sich, wenn die untenstehende Analyse der Betroffenheit höherer Energiepreise (vertikale Achse) kombiniert wird mit der Ausgangslage betreffend Wirtschaftswachstum und Inflation vor Kriegsbeginn (horizontale Achse). Die entsprechende Analyse erlaubt zwar wiederum nur relative Vergleiche zwischen den Ländern, ist aber trotzdem aufschlussreich.
Beispielsweise trifft in Südkorea eine starke Exposition zu hohen Energiepreisen und dem Nahen Osten auf ein bereits unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und eine erhöhte Inflation. Angesichts dieser Betroffenheit sind auch die starken Korrekturen an den südkoreanischen Aktienmärkten erklärbar. Im Gegensatz dazu ist die Inflation im bezüglich Energiepreise ähnlich exponierten Japan aktuell deutlich geringer, die Manövriermasse der dortigen Zentralbank entsprechend grösser. In Europa ist die Situation in Deutschland zu beachten: Zwar lag die dortige Inflation vor Kriegsausbruch noch unter 2%. Hohe Energiepreise über längere Zeit könnten aber die jüngst vorsichtigen Signale eines wirtschaftlichen Aufschwungs wieder zunichtemachen, was dann auch die exportorientierte Schweizer Wirtschaft treffen würde.
Implikationen für Anlegerinnen und Anleger
Die Volatilität an den Finanzmärkten dürfte in den kommenden Wochen erhöht bleiben. Eine darüber hinaus anhaltende Eskalation liegt unseres Erachtens jedoch nicht im Interesse der Konfliktparteien. Wir gehen daher davon aus, dass in den nächsten Wochen eine ausreichende Deeskalation gelingt und die Strasse von Hormus wieder befahrbar wird, auch wenn der Konflikt selbst ungelöst bleibt. Die Energiepreise dürften in den kommenden Monaten erhöht bleiben, ohne die Weltwirtschaft nachhaltig zu beeinträchtigen. Für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger bleibt ein breit diversifiziertes Portfolio mit qualitativ starken und etablierten Unternehmen die beste Grundlage, um die bestehenden Unsicherheiten zu überstehen.
Roman Elbel
8021 Zürich
Dominik Schmidlin
8021 Zürich
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