12. Januar 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht

Was wäre, wenn?

Seit Wochen kokettiert Donald Trump mit seiner Wahl des Nachfolgers von Jerome Powell als Vorsitzender der Fed. Er sieht den Prozess offensichtlich als Fernsehserie mit wöchentlich neuen Folgen.

Im Fokus

Seit Wochen kokettiert Donald Trump mit seiner Wahl des Nachfolgers von Jerome Powell als Vorsitzender der Fed. Er sieht den Prozess offensichtlich als Fernsehserie mit wöchentlich neuen Folgen. Wie jede schlechte Serie verliert sie irgendwann die Spannung und wird langweilig. Im Unterschied zum Fernsehen hat die Wahl des Fed-Vorsitzenden aber markante Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte. Die grosse Frage wird sein, ob die Fed unter dem neuen Vorsitz zu einem Umsetzungsorgan für Trumps Zinssenkungsfantasien wird oder ob die Zinsentscheide weiterhin auf der Basis der Inflationsprognosen und des konjunkturellen Zustands der Wirtschaft gefällt werden. Vor einem Jahr wäre die Antwort klar die zweite Variante gewesen. Heute sind wir da nicht mehr so sicher.

Ein Blick in die Türkei

Was passiert, wenn die Zinsen aus politischen Interessen im falschen Moment zu stark gesenkt werden, kann seit 2021 in der Türkei beobachtet werden. Die Türkei kann wirtschaftlich nicht eins zu eins mit den USA verglichen werden, aber die wirtschaftlichen Prozesse laufen in der Tendenz überall gleich ab. Die türkische Lira verlor innert kurzer Zeit 40% an Wert. Der Zerfall der Währung hat sich seither kontinuierlich fortgesetzt. Die Inflation stieg von schon damals hohen 20% auf 85% und beträgt nach einem dramatischen auf und ab aktuell immer noch 31%. Grosse Teile der Bevölkerung droht zu verarmen. Profitiert haben diejenigen, die Aktien und Häuser besitzen. Deren Preise als Sachwerte sind stark gestiegen und heute sieben Mal so hoch wie Ende 2021.

Die Währung fällt, die Zinsen steigen

Wenn die Fed den Leitzins vor den Zwischenwahlen im Herbst auf die von Trump gewünschten 1% senken sollte, würden die Inflationserwartungen stark ansteigen. In der Folge wird die Zinskurve sehr steil. Die Zinsen der in den USA üblichen 30-jährigen Hypotheken und die Renditen der langen Obligationen würden deutlich ansteigen. Die Finanzierung der Unternehmen über den Kapitalmarkt würde schwierig werden, da die Kreditrisikoprämien zu den generell höheren Kapitalmarktzinsen auch noch steigen würden. Geringer würde dagegen zumindest kurzfristig die Zinslast des Staates, da das US-Treasury sich zu einem grossen Teil über Treasury Bills am Geldmarkt finanziert. Gleichzeitig verstärkt sich der Druck auf den US-Dollar, was die Inflationserwartungen zusätzlich anheizt. Cash-Bestände in US-Dollar und amerikanische Obligationen sind in diesem Umfeld Verlustgeschäfte.

US-Aktien mit Währungsabsicherung

Gleichzeitig gibt die expansive Geldpolitik dem Aktienmarkt einen positiven Impuls. Die Flucht aus den Nominalwerten in die Sachwerte ist ein zusätzlicher Treiber für die Aktienkurse. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der US-Aktienmarkt zu einem Höhenflug ansetzt. Der Kater am Aktienmarkt dürfte dann einsetzen, wenn die Fed die Zinsen stark erhöhen muss, um die steigende Inflation unter Kontrolle zu bringen, wie zwischen 1980 und 1982. Investitionen in US-Aktien bei der gleichzeitigen Absicherung des Dollar-Risikos haben für eine gewisse Zeit jedoch ein hohes Gewinnpotenzial. Kommt hinzu, dass durch die tiefen US-Geldmarktzinsen die Kosten für den Währungs-Hedge nicht mehr ins Gewicht fällt.

Der Glaube an die Vernunft ist noch da

Wir haben in diesem Kommentar häufig den Konjunktiv benutzt, was sonst nicht unser Stil ist. Das kommt daher, dass bezüglich der Unabhängigkeit der Fed alles möglich ist. Als positiv denkende Leute gehen wir aber davon aus, dass neben der Loyalität zu Trump andere Kriterien wie wirtschafts- und geldpolitische Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein für die Wahl des Fed-Vorsitzenden auch 2026 noch eine Rolle spielen.

Aktienmärkte

US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.48%, S&P500: +0.65%, Nasdaq: +0.81%

Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +1.58%, DAX: +0.53%, SMI: +0.53

Asiatische Märkte
Nikkei 225: geschlossen, Hang Seng: +0.80%, S&P/ASX 200: +0.48%

Die Aktienmärkte sind mit Kursgewinnen in das neue Jahr gestartet. Diese widerspiegeln mehr die positive Grundstimmung am Aktienmarkt als konkrete positive Meldungen aus der Politik oder der Wirtschaft. Der S&P 500 legte letzte Woche 1.57% zu. Die europäischen Aktien stiegen 2.51%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Plus von 1.56% abschloss.

Für die Entwicklung der Aktienmärkte bleiben die Konjunkturentwicklung und die Gewinndynamik bei den Unternehmen die entscheidenden Faktoren. Am amerikanischen Arbeitsmarkt ergibt sich ein gemischtes Bild. Die Unternehmen zeigen sich weiterhin zurückhaltend bei Neueinstellungen, aber ebenso bei Entlassungen. Für die US-Wirtschaft bleibt die Entwicklung des Konsums zentral. Dieser präsentiert sich nach wie vor robust. In Europa und insbesondere in Deutschland fehlen dagegen klare Anzeichen für einen nachhaltigen Aufschwung. Im Jahr 2026 werden Fiskalmassnahmen gewisse Impulse liefern. Das Wachstum bleibt jedoch unterdurchschnittlich. Die Schweizer Wirtschaft kann sich diesem Umfeld nur begrenzt entziehen und wird ebenfalls ein unterdurchschnittliches Wachstum verzeichnen. Das Wachstum der Weltwirtschaft bleibt insgesamt verhalten, aber positiv. Aktien sind die bevorzugte Anlageklasse, um an diesem Wachstum zu partizipieren. Eine zentrale Frage ist, wie lange der Aufschwung im amerikanischen Technologiesektor anhalten kann. Zuletzt sorgten die zunehmenden Verflechtungen unter den grossen Tech-Unternehmen für Diskussionen. Ein direkter Vergleich mit der Situation bei der Dotcom-Blase drängt sich zwar fundamental aufgrund der soliden Gewinndynamik nicht auf, doch die Risiken einer Korrektur nehmen zu. Gleichwohl überwiegt derzeit an den Märkten das Vertrauen, dass Chancen und Risiken einander die Waage halten.

Kapitalmärkte

Renditen 10 J: USA: 4.165%; DE: 2.863%; CH: 0.307%

Die ersten Handelstage des neuen Jahres haben bei den Obligationen keine grossen Wellen geworfen. Der Arbeitsmarktbericht in den USA am Freitag hat daran nichts geändert.

Währungen

US-Dollar in Franken: 0.7980
Euro in US-Dollar: 1.1669
Euro in Franken: 0.9312

Der Franken ist nach der Veröffentlichung des Protokolls der letzten geldpolitischen Sitzung der SNB im Dezember etwas schwächer geworden. Die SNB zeigt sich mit dem aktuellen Leitzins zufrieden. Die zaghaften Markterwartungen über eine erste Leitzinserhöhung der SNB schon Anfang 2027 haben sich verflüchtigt.

Rohstoffmärkte

Ölpreis WTI: USD 59.27 pro Fass
Goldpreis: USD 4'581.02 pro Unze

Der Angriff der Amerikaner auf Venezuela hat den Ölpreis nicht bewegt. Die anhaltenden Proteste im Iran verunsichern die Ölhändler mehr. Ein spürbarer Anstieg des Ölpreises ist die Folge.

Wirtschaft

USA: Non Farm Payrolls (Dezember) letzte: 64’000; erwartet: 70’000; aktuell: 50’000
USA: Arbeitslosenrate (Dezember) letzte: 4.6%; erwartet: 4.5%; aktuell: 4.4%

Der Arbeitsmarkt in den USA lässt auch im Dezember viele Fragen offen. Die Zahl der neuen Stellen ist nach wie vor auf einem tiefen Niveau. Die Abschwächung der Jobmaschine findet in der Arbeitslosenstatistik jedoch keinen Widerhall. Das «No hire – no fire»-Umfeld geht weiter. Das macht es für die Fed nicht einfach, den geldpolitisch nötigen Zinspfad zu bestimmen.

Thomas Stucki

Portraitfoto von Thomas Stucki, Leiter Investment Center bei der St.Galler Kantonalbank
Leiter Investment Center
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich

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