27. April 2026, CIO-Sicht | Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Navigieren im Nebel
Die Lage im Nahen Osten wird immer verwirrender und die Meldungen und Aussagen der Kriegsparteien immer widersprüchlicher. Eine rasche Lösung und die Rückkehr zur freien Fahrt in der Strasse von Hormus ist zwar das bevorzugte, aber nicht das realistische Szenario.
Im Fokus
Die Lage im Nahen Osten wird immer verwirrender und die Meldungen und Aussagen der Kriegsparteien immer widersprüchlicher. Eine rasche Lösung und die Rückkehr zur freien Fahrt in der Strasse von Hormus ist zwar das bevorzugte, aber nicht das realistische Szenario. Die Aktienmärkte scheinen dies aber nur am Rande zu kümmern. Der Swiss Performance Index ist seit dem 20. März satte 8% gestiegen. Der S&P 500 legte in dieser Zeit gar 12% zu, angetrieben durch das Revival der Technologieaktien, die wieder hoch in der Gunst der Anleger stehen. Eine so schnelle und steile Erholung hat man an den Aktienmärkten noch selten gesehen.
Energieknappheit ist eine Realität
Die Auswirkungen der höheren Preise für Erdgas und Erdöl zeigen sich bisher nur punktuell, vor allem in den stark gestiegenen Benzin- und Kerosinpreisen. Diese sind für die Wahrnehmung und Stimmung der Leute wichtig, aber für die Beurteilung der Inflationsgefahr jedoch zweitrangig. Sie werden wieder sinken, wenn der Erdölpreis tiefer ist. Wichtiger sind die Folgen der höheren Transport- und Produktionskosten, welche eine breite Palette von Gütern und in abgeschwächter Form auch Dienstleistungen teurer machen. Wie stark diese durchschlagen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Einschneidend für die Weltwirtschaft sind aber nicht die hohen Energiepreise, sondern die effektiven Engpässe in der Versorgung mit Öl, Gas oder Düngemitteln. Die letzten Tanker, die die Strasse von Hormus vor dem Krieg passiert haben, erreichen nun ihre Zielorte. Danach ist für eine Weile Schluss mit den Lieferungen. Die bisher anekdotischen Meldungen über das Fehlen von Gas in indischen Restaurants oder die Streichung von Flügen werden sich in den nächsten Wochen ausweiten und an Wichtigkeit zunehmen.
Warten auf die Notenbanken
Stress in der globalen Logistik und in den Lieferketten ist die grössere Gefahr für die Preisstabilität als ein hoher Benzinpreis. Ein direkter Vergleich mit 2021 ist gefährlich, da die Unternehmen heute nach den Erfahrungen von damals breiter aufgestellt sind. Dennoch ist es für die Zentralbanken schwierig zu beurteilen, ob der Anstieg der Inflationsrate ein temporärer Effekt ist oder ob eine breit abgestützte Inflationswelle droht. Gleichzeitig müssen sie aufpassen, die angeschlagene Konjunktur nicht mit voreiligen Zinserhöhungen unnötig zu belasten. Daher werden sie vorderhand zuwarten und hoffen, rasch ein klareres Bild zu bekommen. Dabei ist der Nebel für die Fed oder die EZB dicker als für die SNB, da die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas in ihren Volkwirtschaften grösser ist als in der Schweiz. Für die SNB gibt es keinen Grund, rasch an der Zinsschraube zu drehen. Die Inflationsrate ist tief und der Puffer für die Erhaltung der Preisstabilität gross.
Zeit der Opportunisten kommt
Die Weltwirtschaft wird auch diese Energiekrise überstehen. Die Ausgangslage ist anders als 2021, als sie nach Covid bereits angeschlagen in den Inflationshammer krachte. Die Unternehmen sind besser aufgestellt und passen sich an die neuen Rahmenbedingungen an. Bei diesen Prozessen haben sie mittlerweile einiges an Erfahrung. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird weitergehen und sich nach einer Delle auch wieder beschleunigen. Die Aktien sind und bleiben die beste Anlage, um an diesem Wachstum teilzuhaben. Das aktuelle Umfeld bietet aber Gelegenheiten, die opportunistisch ausgenützt werden können. Die steile Erholung der letzten Wochen kann dazu benutzt werden, in stark gestiegenen Titeln einen Teil der Gewinne abzuschöpfen. Auf der anderen Seite gibt es, und wird es in den nächsten Wochen weitere geben, Aktien von Unternehmen, die zu Unrecht stark abgestraft wurden. Diese Aktien können zu einem Preis gekauft werden, der vor ein paar Monaten noch als Wunschgelegenheit betrachtet worden wäre.
Aktienmarkt
US-Aktienmärkte
Dow Jones: -0.16%, S&P500: +0.80%, Nasdaq: +1.63%
Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: -0.19%, DAX: -0.11%, SMI: -0.59%
Technologieaktien sind wieder hoch im Kurs. Die Zahlen der Firmen lassen die Anleger wieder in grossen Sphären träumen. Da verblasst für den Moment sogar das Gerangel um die Strasse von Hormus. Der S&P 500 legte letzte Woche 0.55% zu. Die europäischen Aktien sanken 2.88%, während der Swiss Performance Index die Woche mit einem Minus von 1.47% abschloss.
Die Entwicklung an den Aktienmärkten wird weiterhin durch die Energiepreise geprägt. Wir gehen von einer Normalisierung der Lage im Nahen Osten in den nächsten Wochen aus. Die Folgen der Verknappung der Energieversorgung werden sich jedoch zunehmend zeigen. Reduzierte Fördermengen, tiefe Lagerbestände sowie mögliche Infrastrukturschäden sprechen für anhaltend erhöhte Energiepreise. Der Ölpreis wird mittelfristig zwar sinken, aber über dem Vorkriegsniveau bleiben. Die Notenbanken befinden sich damit im Spannungsfeld zwischen Konjunkturabschwächung und Inflationsrisiken. Die Dynamik der Weltwirtschaft wird sich verlangsamen, bleibt aber auf Wachstumskurs. Die Erholung an den Aktienmärkten in den letzten Wochen ist historisch betrachtet sehr stark ausgefallen. Zahlreiche Indizes konnten neue Höchststände verzeichnen oder notieren nur knapp darunter. Die Auswirkungen der Energieengpässe auf die wirtschaftliche Entwicklung werden momentan ausgeblendet. Aktien bleiben dennoch die beste Anlage, um am Wachstum der Weltwirtschaft zu partizipieren. Die Erholung der Kurse kann aber als Gelegenheit genutzt werden, einen Teil der Gewinne der letzten Jahre abzuschöpfen.
Kapitalmärkte
Rendite 10-jährige Staatsanleihen
USA: 4.32%; DE: 2.99%; CH: 0.44%
An den Kapitalmärkten herrscht eine Pattsituation. Die Renditen der Obligationen bewegen sich hin und her, aber die klare Richtung fehlt. Ein Pendeln in einem engen Band ist die Folge. Die Marktteilnehmer warten auf neue Signale der Notenbanken, in welche Richtung der Weg der Leitzinsen geht.
Währungen
Euro in Franken: 0.9201
US-Dollar in Franken: 0.785
Euro in US-Dollar: 1.173
Die SNB wird eine Aufwertung des Frankens wieder zulassen, wie SNB-Präsident Schlegel in der NZZ hat durchschimmern lassen. Damit soll der Inflationsdruck durch die hohen Energiepreise gemildert werden. Zu Beginn des Krieges hat sich die SNB noch klar dagegen ausgesprochen und wahrscheinlich den Worten auch Taten in Form von Interventionen folgen lassen. Bestätigt sind diese jedoch nicht.
Rohwarenmärkte
Ölpreis (Brent): USD 106.67 pro Fass
Goldpreis: USD 4'726.03 pro Unze
Der Ölpreis reagiert nach wie vor sensibel auf die verschiedenen und oft widersprüchlichen Meldungen zu den Vorgängen im Iran und in der Strasse von Hormus. Die Futures-Kontrakte für Öllieferungen im nächsten Jahr halten sich dagegen stabil auf einem Niveau im Bereich von 80 US-Dollar pro Fass. Ein rasches Absinken des Ölpreises auf das Niveau vor dem Krieg wird somit nicht erwartet.
Wirtschaft und Konjunktur
Deutschland: IFO Geschäftsklimaindex (April)
aktuell: 84.4 (erwartet: 85.7, Vormonat: 86.4)
Die Stimmung bei den deutschen Unternehmen ist schlechter als erwartet und im April auf den tiefsten Wert seit dem Sommer 2023 gefallen. Auffallend ist, dass die Erwartungen für die nächsten Monate schlechter eingeschätzt werden als der aktuelle Zustand. Die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung, welche das letzte Jahr geprägt hat, ist zumindest für den Moment verflogen.
Thomas Stucki
8021 Zürich
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