An der Grenze zwischen gestern und morgen

Seit einem Jahr kennen wir eine neue Zeitrechnung: Es gibt ein «vor» und ein «nach» Corona. Was davor war, hielten wir für  sicher. Corona hat uns diese Sicherheit genommen. Mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen können wir uns nun auf das «Danach» vorbereiten. Denkanstösse dazu haben die Gäste am Konjunktur- und Trendforum «Horizonte» erhalten.

Katja Gentinetta

Vielen ist die promovierte politische Philosophin Katja Gentinetta aus dem Schweizer Fernsehen bekannt, wo sie während vier Jahren die Sternstunde Philosophie und die NZZ Standpunkte moderierte. Andere kennen sie als Wirtschaftskolumnistin der NZZ am Sonntag.

Am 18. Februar 2021 war Katja Gentinetta Referentin an unserem Konjunktur- und Trendforum «Horizonte», das aus aktuellem Anlass dieses Jahr erstmals digital durchgeführt wurde. In ihrem Referat «Corona: Die Grenze zwischen gestern und morgen. Wie wir mit Unsicherheit leben können» erkundete sie den Horizont, der die Grenze zieht zwischen «vor» und «nach» Corona.

Ein Jahr der Paradoxie

Zweifellos hat die weltweite Pandemie viel Leid über die Gesellschaft und die Wirtschaft gebracht. Sie bietet aber auch eine Chance zur Verbesserung und Weiterentwicklung. Paradoxie ist ein häufig verwendeter Begriff im Vortrag von Katja Gentinetta. Paradox ist, wenn das Eine und gleichzeitig das Gegenteil davon wahr sind.

Das Jahr, das hinter uns liegt, ist in vielerlei Hinsicht paradox. Beispielsweise haben wir es mit einem globalen Phänomen zu tun, das – zumindest am Anfang – ausschliesslich national angegangen worden ist. Eine globale Koordination oder zumindest eine Zusammenarbeit zwischen Nachbarländern oder innerhalb von Staatengemeinschaften hat nicht geklappt. Ein anderes Beispiel für Paradoxie ist, dass viele Staaten zwar über einen Pandemieplan verfügen, dieser aber nicht zur Anwendung gekommen ist oder nicht funktioniert hat. Beeindruckend ist aber vor allem, dass die Welt beziehungsweise die Globalisierung auf einen Schlag stillgelegt werden musste und gleichzeitig alle Veränderungen, die die neuen Rahmenbedingungen erforderlich gemacht haben, in Rekordzeit erfolgreich umgesetzt werden konnten.

Wunsch nach Sicherheit, Streben nach Entwicklung

Die Pandemie hat uns die Sicherheit und Normalität, die wir in unseren bisherigen Routinen erfahren haben, unter den Füssen weggezogen und mit der Zeit durch neue Gewohnheiten ersetzt. An der Grenze zwischen «vor» und «nach» Corona sehnen sich viele Menschen danach, dass endlich wieder Normalität einkehrt.

Als «Gewohnheitstiere» mögen wir Menschen es, wenn alles so bleibt wie es ist. In der Gewohnheit fühlen wir uns sicher und lassen uns gerne nieder. Das ist so, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn es gehört ebenfalls zu unserer Natur, dass wir Neues entdecken und uns weiterentwickeln möchten. Dies ist allerdings nur möglich, indem wir unsere Komfortzone verlassen.

Auch der Mensch mit seinem Bedürfnis nach Gewohnheit und seinem Streben nach Höherem ist ein Paradox. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant sagte einmal: «Die grösste Aufgabe des Menschen ist zu wissen, wie er seine Stellung in der Schöpfung erfüllen kann und zu verstehen, was es heisst, ein Mensch zu sein.» Damit meinte er, dass wir nicht nur dazu da sind, uns in der Gewohnheit niederzulassen, sondern auch, um in schwierigen Zeiten an uns zu arbeiten und uns weiterzuentwickeln.

Paradox als Voraussetzung für Entwicklung

Gerade KMU stellen sich ständig die Frage, was sie besser machen und wie sie sich weiterentwickeln können. Eine klassische Kreativitätstechnik dafür ist «thinking outside the box», was nichts anderes bedeutet, als in Paradoxen zu denken. «So gesehen war Corona ein gigantisches Kreativitätsseminar», sagt Katja Gentinetta. Mit Corona haben wir sehr viel Neues dazugelernt und gerade wegen des Wegfalls von Routine und Sicherheit grosse Fortschritte gemacht. Der Anschub in der Digitalisierung, die Etablierung neuer Arbeitsformen oder die gewonnenen Erkenntnisse im Einsatz moderner Kommunikationsmittel sind nur einige davon.

«Wichtig ist», betont Katja Gentinetta, «dass wir diese Mechanismen erkennen und verstehen. Mit diesem Wissen gelingt es uns, uns auf die Zeit nach Corona vorzubereiten und die Zukunft aktiv zu gestalten.»

Aufzeichnung des Konjunktur- und Trendforums Horizonte

Unter folgendem Link finden Sie die Gesamtaufzeichnung unseres Konjunktur- und Trendforums Horizonte. Sie möchten sich nur das Referat von Katja Gentinetta ansehen? Dann empfehlen wir Ihnen den Einstieg ab 1 Stunde 03 Minuten. 

Videoaufzeichnung auf YouTube aufrufen

5 Take-aways von Katja Gentinetta, politische Philosophin

  1. Corona hat unseren Alltag und unsere Arbeit stark verändert. Ob danach wieder alles so sein wird wie zuvor, liegt auch an uns und daran, was wir aus den von der Pandemie angestossenen Veränderungen machen.
  2. Nutzen Sie die Chance, frühere Arbeitsabläufe den neu gemachten Erkenntnissen gegenüberzustellen um herauszufinden, was Ihr Unternehmen in Zukunft besser machen und wie es sich weiterentwickeln kann.
  3. Der Wunsch nach Sicherheit und das Bedürfnis, über sich selbst hinauszuwachsen, liegen gleichermassen in der Natur des Menschen. Das Wissen darüber hilft im Umgang mit Veränderungen.
  4. Denken Sie in Paradoxen, um wirkungsvolle Massnahmen zur Umsetzung neuer Strategien, Prozesse oder Verhaltensweisen zu entwickeln.
  5. Setzen Sie Veränderungen effektiv um, indem Sie ausgetretene Pfade verlassen und sich von der Sicherheit der Gewohnheiten trennen.