Traditionelle Lebensphasen und Rollenbilder verschwinden, Frauen sind heute ausgezeichnet ausgebildet und erobern den Arbeitsmarkt...." />

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Challenge für KMU

Traditionelle Lebensphasen und Rollenbilder verschwinden, Frauen sind heute ausgezeichnet ausgebildet und erobern den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig altert die Bevölkerung und der Wettbewerb der Unternehmen um Talente und Fachkräfte intensiviert sich. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird künftig immer wichtiger. Für KMU stellt dies eine grosse Herausforderung dar – aber es bieten sich auch zahlreiche Chancen.

Die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hilft dabei, die Lücken einer alternden Gesellschaft zu füllen. Für die Wirtschaft ist es deshalb wichtig, gut ausgebildete Frauen in ihrem Streben nach Eigenständigkeit, Selbstverwirklichung und Autonomie zu unterstützen, um sie im Arbeitsmarkt halten zu können. «Die IHK St.Gallen-Appenzell hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrer Zukunftsagenda zu einem zentralen Handlungsfeld definiert. Schlüsselprojekte sind die Förderung familienergänzender Angebote, die Schaffung von Tagesstrukturen mit Taktstundenplan, die Weiterentwicklung flexibler und individueller Arbeitsmodelle sowie die Erleichterung des Wiedereinstiegs von Frauen nach der Mutterschaft», erklärt Roland Ledergerber, Präsident der Geschäftsleitung der St.Galler Kantonalbank und Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell.

Viele Grossunternehmen haben ihre Strukturen bereits entsprechend angepasst. Aber auch Klein- und Mittelbetrieben bietet sich ein grosses Potential für familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeiten unabhängig vom Erwerbspensum, Homeoffice,  familienbezogener Urlaub über das gesetzliche Minimum hinaus und Unterstützung bei der familienergänzenden Kinderbetreuungen sind Massnahmen, die sich bereits mit geringen Kosten und moderatem Aufwand umsetzen lassen (siehe Textkasten). Dabei muss natürlich auch den individuellen betrieblichen Bedürfnissen Rechnung getragen werden.

Einige Impressionen der diesjährigen Veranstaltung «Zukunft Ostschweiz».

Zur Bildergalerie

Tipps für eine familienfreundliche Personalpolitik

  • Flexible Arbeitszeiten: Gleitzeit, (reduzierte Wochen- und) Jahresarbeitszeit sowie Stellvertretung im Bedarfsfall helfen den Beschäftigten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, und den Betrieben, Schwankungen im Arbeitsanfall aufzufangen. 
  • Teilzeit / Jobsharing: Die Reduktion des Arbeitspensums ist mittlerweile auch in Führungspositionen angekommen. Voraussetzung dafür ist, dass die Verantwortung und das Know-how auf mehrere Schultern verteilt wird.
  • Arbeitsorganisation: Selbstabsprachen im Team, ergebnisorientiertes Arbeiten und die Gewährleistung des Informationsflusses reduzieren für den Betrieb den Planungsaufwand beim Personaleinsatz.
  • Familienbezogener Urlaub: Ein Vaterschaftsurlaub, auch wenn er bezahlt ist, verursacht meist nur geringe Mehrkosten und dank seiner kurzen Dauer kann häufig der Vater die liegengebliebene Arbeit später selber nachholen. Ebenfalls moderat fällt der organisatorische Aufwand für den Betreib aus, wenn bereits im Voraus die Möglichkeit ausgehandelt wird, den Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub zu verlängern.
  • Flexibler Arbeitsort: Fällt der Arbeitsweg weg oder können gewisse Aufgaben unterwegs erledigt werden, kann mehr Zeit für Berufliches mobilisiert werden. Damit können Lücken geschlossen und der Wechsel zwischen Erwerbs- und Familienarbeit bedürfnisgerecht angepasst werden.
  • Unterstützung bei der Kinderbetreuung: Beispielsweise, indem der Betrieb Beratung und Vermittlung in Sachen Kinderbetreuung anbietet oder sich an den Kosten für Betreuungseinrichtungen, Trägervereine oder Familienserviceangebote beteiligt.
  • Personalentwicklung: Familiäre Verpflichtungen und berufliches Weiterkommen schliessen sich nicht aus. Gerade Mitarbeitende mit Betreuungspflichten sind überdurchschnittlich loyal, wenn sie eine Chance zur Weiterentwicklung erhalten statt auf ein berufliches «Abstellgleis» abgeschoben werden.

Thema am IHK Konjunkturforum

Für die Umsetzung familienfreundlicher Arbeitsstrukturen sei aber auch der Bund gefordert, betont Markus Bänziger, Direktor IHK St.Gallen-Appenzell, anlässlich des Konjunkturforums «Zukunft Ostschweiz» vom 18. November 2019 in St.Gallen. Der von der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank einmal im Jahr organisierte Anlass ist die bedeutendste Veranstaltung für Ostschweizer Unternehmerinnen und Unternehmer sowie für Opinion-Leader. «Die gesetzlichen Grundlagen im heutigen Arbeitsrecht stammen aus dem Jahr 1964», sagt Markus Bänziger. Seither hat sich die Arbeitswelt allerdings stark verändert. Die Wirtschaft hat sich von der Industrie auf den Dienstleistungssektor verlagert, starre Arbeitszeiten sind längst nicht mehr die Regel, der technologische Fortschritt und die digitale Transformation haben ebenfalls neue Voraussetzungen geschaffen. «Wenn eine berufstätige Mutter eine Stunde früher Feierabend macht, um die Kinder von der Kita abzuholen, und zur Kompensation abends zuhause ihre beruflichen E-Mails abarbeitet, und am nächsten Morgen um 08.00 Uhr wieder im Büro erscheint, ist dies nach heutiger Gesetzeslage genau genommen illegal», so Bänziger. «Eine Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes ist deshalb nicht nur sinnvoll, sondern auch nötig.»

Auch Betriebe profitieren

Eine familienorientierte Personalpolitik zahlt sich nicht nur für die Eltern aus, sondern auch für die Betriebe. Erfahrungen haben gezeigt, dass der Nutzen für die Betriebe die Kosten der Vereinbarkeitsmassnahmen sogar überwiegt. Eine höhere Zufriedenheit, Motivation, Loyalität und Produktivität der Mitarbeitenden, eine geringere Fluktuationsrate mit entsprechend tieferen Kosten für die Personalsuche und Einarbeitung neuer Mitarbeitenden, die Steigerung der Attraktivität als Arbeitgeber und Verbesserung des Images sind nur einige Vorteile für KMU. Darüber hinaus haben gerade KMU, die über unkomplizierte Organisationsstrukturen sowie kurze Kommunikations- und Entscheidungswege verfügen, gute Voraussetzungen dafür, familienfreundliche Massnahmen umzusetzen. In kleineren Betrieben kennen sich die Geschäftsleitung und die Mitarbeitenden persönlich, das direkte Gespräch ist unkompliziert. Dies fördert das gegenseitige Verständnis und das Finden von Lösungen, die sowohl den Bedürfnissen der Mitarbeitenden als auch den Anforderungen des Unternehmens und des Marktes entsprechen.

Roland Ledergeber im Interview

Inwiefern spüren Sie bei den Ostschweizer KMU einen Trend zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Die IHK St.Gallen-Appenzell hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrer Zukunftsagenda zu einem zentralen Handlungsfeld definiert. Schlüsselprojekte sind die Förderung familienergänzender Angebote, die Schaffung von Tagesstrukturen mit Taktstundenplan, die Weiterentwicklung flexibler und individueller Arbeitsmodelle sowie die Erleichterung des Wiedereinstiegs von Frauen nach der Mutterschaft. In der Vorbereitung auf den Anlass Zukunft Ostschweiz haben wir mit zahlreichen Ostschweizer Unternehmen gesprochen. Dabei haben wir gespürt, dass das Thema angekommen ist.

Als Präsident der IHK St.Gallen-Appenzell und CEO der St.Galler Kantonalbank haben Sie Kontakt zu vielen Unternehmerinnen und Unternehmern. Wie weit sind die Ostschweizer KMU bezüglich familienfreundlicher Angebote im Betrieb?

Das ist natürlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Die Notwendigkeit, in diesem Bereich Fortschritte zu erzielen, ist breit anerkannt. In der Umsetzung sind wir aber noch nicht dort, wo wir sein müssten. Es gibt noch ein beträchtliches Potenzial, welches die IHK mit den erwähnten Schlüsselprojekten erschliessen will. Dabei müssen wir uns im Klaren sein, dass es um einen Prozess der Kulturentwicklung geht, der seine Zeit dauern wird.

Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen, wenn KMU vermehrt auf familienfreundliche Leistungen setzen?

Die Chancen sind gut, denn typischerweise ist die Arbeitsorganisation von kleineren Unternehmen höchst flexibel. Gerade diese Flexibilität erlaubt es KMU, zahlreiche Massnahmen zu relativ geringen Kosten umzusetzen. Ein Unternehmen hat es in den Gesprächen der IHK auf den Punkt gebracht: «Die Unternehmenskultur ist entscheidend. Wir finden individuelle Lösungen für Individuen.» Der Nutzen für die Firmen ist vielfältig: Rekrutierung, Mitarbeiterzufriedenheit und –loyalität, Leistungsbereitschaft, Gesundheit.

Ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch bei der SGKB ein Thema?

Ja, selbstverständlich. Wir haben schon einiges gemacht: grosszügiger Mutterschaftsurlaub, Förderung der Teilzeitarbeit, Unterstützung  von Kinderkrippen, Mitgliedschaft Familienplattform, Zusatzferien im Bandbreitenmodell. Die Wiedereinstiegsrate nach der Mutterschaft beträgt 86%, darauf sind wir sehr stolz! Wir wollen aber weitere Fortschritte erzielen und haben kürzlich das Programm «Diversity & Inclusion» lanciert, mit dem wir Frauen vermehrt für die Kundenberatung und für Führungspositionen gewinnen möchten.

Herr Ledergerber, vielen Dank für das Interview.

Weiterführende Links

Weitere Informationen zum Thema finden Sie im KMU-Handbuch «Beruf und Familie» vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO.

Die IHK St.Gallen-Appenzell hat zudem einen Kurzleitfaden für KMU erarbeitet für Massnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.