Rhetorik-Profi Pöhm spricht Klartext.
Und sagt Powerpoint den Kampf an.

Im Interview spricht Matthias Pöhm über die Fallstricke bei einer Rede vor Publikum und verrät, wie man mit einfachen Veränderungen viel bewirken kann.

Matthias Pöhm coacht Spitzenleute aus Wirtschaft und Politik, gibt Rhetorik-Seminare und hat bereits mehrere Bücher zum Thema Rhetorik veröffentlicht. Er vermittelt Techniken für freies Reden, Schlagfertigkeit und eine überzeugende Körpersprache. Von Vortragenden, die sich hinter einer PowerPoint-Präsentation verschanzen, hält er nicht viel: Im Mai 2011 gründete er die Anti PowerPoint Partei APPP und nahm 2015 an den Schweizer Nationalratswahlen teil.

Herr Pöhm; was haben Sie eigentlich gegen PowerPoint?

PowerPoint ist nichts anderes als «betreutes» Lesen, bei dem die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Folien liegt. Der Reder wiederholt das Geschriebene, verhält sich ansonsten aber passiv. Das wirkt einschläfernd auf das Publikum. Kommt noch hinzu, falls das Gesprochene nicht dem Wortlaut auf der Folie entspricht, hat das Gehirn Mühe, die Information zu sortieren und abzuspeichern. Was am Ende von einer Präsentation tatsächlich hängen bleibt, ist nur ein Bruchteil des Inhaltes.

Was sind denn die Alternativen zu PowerPoint?

Die erste Alternative ist frei sprechen. Alles, was auf Textfolien steht, können Sie durch freies Sprechen OHNE PowerPoint im Hintergrund viel wirksamer rüber bringen.

Die zweite Alternative ist das Flipchart. Um das Publikum zu bewegen, muss der Redner sich selber bewegen. Das geht über Gesten oder aber am Flipchart, wenn er auf einem leeren Blatt Papier eine Schemazeichnung oder ein Balkendiagramm direkt vor dem Publikum skizziert.  

Rund 95% der Folien einer PowerPoint-Präsentation lassen sich durch freies Reden und am Flipchart problemlos ersetzen. In ganz wenigen Fällen, bei sehr komplexen Inhalten, macht PowerPoint eventuell Sinn. Was aber nicht als Faustregel missverstanden werden darf. Grundsätzlich gilt: Immer zuerst ausprobieren, ob sich eine Botschaft nicht auch anders vermitteln lässt.  

Sie arbeiten bereits seit mehreren Jahren mit der St.Galler Kantonalbank zusammen und sind an verschiedenen KMU-Profil Kompetenzforen aufgetreten. Welche sind die besonderen Bedürfnisse von KMU-Führungspersonen an die Auftrittskompetenz?

Eine Rednerin, ein Redner, möchte in erster Linie gut ankommen und überzeugen. Dieses Grundbedürfnis nach Anerkennung teilen alle, die vor einem Publikum auftreten. Wenn eine Führungskraft oder ein KMU-Inhaber charismatisch vor Publikum reden kann, trägt das um ein Vielfaches mehr zu seinem Erfolg bei, als alle seine Diplome zusammen.

Meine Aufgabe als Rhetorik-Trainer ist es, den Teilnehmern Methoden zu geben, um das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, zu bannen oder informativ zu unterhalten. Dabei ist es egal, welchen Inhalt oder Thema gewählt wird. Die Mechanismen helfen immer.

Rhetorik-Tipps von Pöhm: Die Pré-Deklaration

Sie können einen Satz so sagen:
«Schlagen Sie kurz auf das Dach, dadurch löst sich der Sensor von selbst.»

Oder so:
«Der absolute Clou bei der Sache, der kommt jetzt: Schlagen Sie kurz auf das Dach, dadurch löst sich der Sensor von selbst.»

Bei der zweiten Variante hat der Redner vor der eigentlichen Botschaft eine Vor-Botschaft gestellt. Das nennt man Pré-Deklaration. Diese hat eine wichtige Funktion: Sie erhöht auf einer unterbewussten Ebene die Emotionalität der Botschaft. Redner, die wirklich von ihren Botschaften begeistert sind, tun dies intuitiv. Spüren Sie den Unterschied?

Woran scheitert ein Auftritt oder eine Rede häufig?

Es kursieren zahlreiche Theorien und Glaubenssätze darüber, was eine gute Rede oder ein guter Auftritt ausmachen. Die meisten sind jedoch nicht praxistauglich. Beispielsweise wird gesagt, man müsse nur selbst begeistert an das glauben, worüber man spricht, dann würde man auch automatisch die anderen begeistern. Das ist nicht meine Erfahrung. Umgekehrt, kann ich aber selbst einem, der nicht innerlich von einer These überzeugt ist, jene körpersprachlichen Elemente beibringen, die Träger der inneren Überzeugung sind, und er kann dann jeden überzeugen.

Auf inhaltlicher Ebene scheitert es an den zu komplizierten Formulierungen und unkonkreten, nebulösen Schlagwort-Aussagen. Sätze, bei denen man merkt, dass diese am Schreibtisch entworfen wurden, weil so niemand umgangssprachlich spricht. Mit kurzen Sätzen von maximal 8 Wörtern, einfachen Botschaften und ganz konkreten Aussagen, die Bilder entstehen lassen, gewinnen und behalten Sie die Aufmerksamkeit des Publikums. 

Welchen Anteil haben diese verschiedenen Faktoren an der Auftrittskompetenz?

Mit einer sinnvoll eingesetzten Körpersprache erzielt man eine Verdoppelung der Wirkung einer Rede. Und hier kann ich als Trainer auch den grössten Hebel ansetzen. Nehmen wir zum Beispiel das Stehen. Eine typische Haltung ist die ungleiche Gewichtsverteilung von Stand- und Spielbein. Damit erzeugt man allerdings keine Präsenz. Eine Person, die im Fokus steht, sollte dies mit beiden Beinen und durchgestreckten Knien signalisieren. Jemand der im Mittelpunkt des Geschehens steht, sollte auch darauf achten, vor Publikum den Raum in der Mitte einzunehmen. Eine Position am Rand strahlt Unsicherheit aus. Wichtig ist auch, dass die Arme beim Sprechen in Bewegung sind. Mit Gesten lassen sich Worte wunderbar verstärken. Zum Beispiel mit dem Takten einer zentralen Botschaft, unterstützt mit einer Hand, die den Rhythmus auf einer imaginären Tischplatte angibt. Die Aussage «Wir brauchen ­– mehr – Mitarbeiter» gewinnt damit gegenüber dem einfachen Satz an Dringlichkeit.

Auch die Stimmlage erzeugt eine Wirkung. Ein guter Tipp: Senken Sie bei jedem Satzende die Stimme. Auch wenn Sie eine Frage stellen. Welchen Unterschied dies macht, merken Sie am besten, wenn Sie es selber einfach für sich ausprobieren.

Allerdings lässt sich die Körpersprache nur teilweise bewusst kontrollieren. Manche Gesten und mimische Facetten entziehen sich unserer Kontrolle. Wie gehen Sie in Ihren Seminaren damit um?

Ich konzentriere mich auf die Teile der Körpersprache, die man selber kontrollieren kann. Aber auch da ist es wichtig, dass neue und ungewohnte Gesten und Körperhaltungen solange eingeübt werden, bis sie ins natürliche Bewegungsrepertoire übergegangen sind. Von einer Steuerung der Mimik rate ich hingegen ab, denn hier lässt sich das Aufgesetzte kaum verbergen.

Aber auch Angst und Nervosität verraten sich in der Körpersprache. Wie überwindet man das Lampenfieber?

Indem man das immer wieder tut, vor dem man Angst hat. Lampenfieber ist eine ganz natürliche Reaktion für jemanden, der im Rampenlicht steht. Die Quelle unserer Angst ist aber auch die Quelle unserer Freude, wobei wir wieder beim Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung angelangt sind. Diese sind wichtig, denn unsere Selbstwahrnehmung speist sich aus dem, wie andere uns reflektieren. Selbstsicherheit entsteht deshalb nicht aus uns selber, es nährt sich aus dem positiven Feedback. Je mehr wir an unserer Auftrittskompetenz feilen und je öfter wir uns unserer Angst stellen und uns exponieren, desto häufiger sind auch unsere Erfolgserlebnisse und positiven Rückmeldungen.

Beispiele für Pré-Deklarationen

  • «Jetzt zeige ich Ihnen eine Methode, wie Sie das auf Anhieb hinbekommen und für den Rest Ihres Lebens nicht mehr vergessen werden…»
  • «Jetzt kommt eine Vorgehensweise, die ist noch universeller als alle anderen …»
  • «Jetzt kommt etwas absolut Unerwartetes…»
  • «Schnallen Sie sich an…»
  • «Passen Sie auf…»
  • «Hören Sie hin…»
  • «Jetzt kommt's ….»

Auf dem Markt tummeln sich zahlreiche Ratgeber für Rhetorik und Auftrittskompetenz, Coaches und Kurse für einen souveränen Auftritt, sortiert nach Zielsetzung und Publikum. Sie selber haben ebenfalls mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Was ist an Ihrer Methode einzigartig?

Die einfache Umsetzbarkeit. Viele Rhetorik-Tipps klingen in der Theorie zwar gut, in der Praxis sind sie aber wenig konkret, zu allgemein gehalten und nicht direkt umsetzbar. «Seien Sie authentisch“, „machen Sie es spannend», «Herz und Verstand müssen eine Einheit bilden» – Was mache ich mit solchen Sprüchen? Meine Anweisungen sind einfach, klar und sofort umsetzbar. Wie schon als Beispiel erwähnt: Stehen Sie in der Mitte vor Ihrem Publikum, mit beiden Füssen am Boden und mit durchgestreckten Knien. Oder, konzentrieren Sie sich beim Blickkontakt auf die Personen ganz rechts und ganz links im Publikum. Solche Tipps sind unmissverständlich, sofort anwendbar und ihre Wirkung ist in einem Vergleichstest erkennbar.

Ich erhebe aber nicht den Anspruch, dass meine Anweisungen immer die besten sind. Wenn ich merke, dass eine andere Technik wirksamer ist, dann anerkenne ich das auch. Ich möchte nicht Recht haben, ich möchte immer das beste Ergebnis.

Solche Tipps können aber auch Bücher vermitteln. Wozu braucht es dann überhaupt noch Rhetorik-Kurse und Coachings?

Ein Buch kann zwar Anweisungen geben, aber kein Feedback. Letzteres ist ebenso wichtig. Als Beispiel: Es ist erwiesen, dass Menschen mit einem festen Händedruck vom Gegenüber als kompetent wahrgenommen werden. Doch dieses Wissen alleine reicht eben nicht aus. In meinen Kursen stelle ich immer wieder fest, dass Teilnehmende es selber oft nicht einschätzen können, ob ihr Händedruck fest oder schlaff ist. Die direkte Rückmeldung beim Üben ist enorm wichtig. Bücher leisten insbesondere nach einem Kurs wertvolle Dienste, um das Gelernte aufzufrischen.

Herr Pöhm, vielen Dank für das Gespräch.