Führung und neue Arbeitsformen:
Wenn New Work zum New Normal wird

Die Covid-19-Pandemie hat die Diskussion um flexible und mobile Arbeitsmodelle und die digitale Transformation neu entfacht. Viele Unternehmen, darunter auch die St.Galler Kantonalbank, haben ihre Arbeitsregularien der neuen Realität angepasst oder sind noch dabei.

Der abrupte Wechsel ins Homeoffice im Frühling hat in vielen Fällen gut funktioniert. Mittlerweile ist die Zeit des Experimentierens jedoch vorbei. Heute stecken wir mitten in der zweiten Welle. 

Welche Bilanz ziehen CEOs bezüglich der Auswirkungen der Pandemie auf ihre betrieblichen Prozesse? Laut einer internationalen Studie von PriceWaterhouseCoopers (PWC) schätzen drei Viertel von ihnen, dass die Entwicklungen hin zu Automatisierung und Telearbeit langfristig Bestand haben werden. Die befragten CEOs gaben an, dass sie drei grosse Problemfelder sehen, die langfristiges Handeln erfordern:

  • die digitale Infrastruktur im Unternehmen
  • die Digitalisierung ihrer Produkte und Dienstleistungen
  • die Einführung flexiblerer und sicherer Arbeitsmodelle

Gerade der letzte Punkt wird auch viele KMU weiterhin beschäftigen. Denn seit diesem Frühling ist für viele Mitarbeitende das mobile Arbeiten zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir haben zwei Unternehmen besucht und uns mit den CEOs über die Massnahmen und Bewältigungsstrategien während des Lockdowns und danach unterhalten: Detlef Fischer von der Textilcolor AG in Sevelen und Manuel Domeisen von der Weibel/IT AG aus Kirchberg.

Textilcolor setzt auf Vertrauen

Die Textilcolor AG ist Spezialistin in der Entwicklung und Herstellung von Textilhilfsmitteln und Textilfarbstoffen. Das KMU aus dem Rheintal beschäftigt 70 Mitarbeitende am Standort Sevelen und setzt vor allem auf die persönliche Beratung ihrer Kunden in rund 40 Ländern. 

Textilcolor - Detlef Fischer

«Durch Corona war der direkte persönliche Kontakt zu unseren Kunden plötzlich nicht mehr möglich. Und unsere Aussendienst-Mitarbeitenden in den verschiedenen Ländern konnten nicht mehr zu uns nach Sevelen kommen auf Grund der Reisebeschränkungen. Dies und die Corona-Situation im Allgemeinen führte in verschiedenen Ländern zu massiven Umsatzeinbussen.»

Detlef Fischer
Textilcolor AG 

Früh reagiert und offen kommuniziert

Da Detlef Fischer bereits im Januar dieses Jahres beruflich in China unterwegs war und die Corona-Situation dort vor Ort in dieser Anfangsphase erlebt hatte, begann er sich sehr früh mit dem Thema auseinanderzusetzen. «Wir haben tatsächlich schon am 28. Februar umfassende betriebsweite Massnahmen beschlossen und kommuniziert. Auf das Händeschütteln wurde ab diesem Moment verzichtet, der Reinigungsplan für das Gebäude wurde angepasst und wir haben Homeoffice angeordnet, wo es möglich war.» Die proaktive Kommunikation mit den Mitarbeitenden war sehr wichtig in dieser Phase. Der Unternehmensleitung war es wichtig, dass alle Mitarbeitenden über alle relevanten Informationen Bescheid wussten – auch über die Umsatzeinbussen. Im März musste der Betrieb dann auch auf Kurzarbeit umstellen. «Wir sind aber froh, dass wir keinen Covid-Kredit benötigt haben», so Detlef Fischer.

Mitarbeitende, die ins Homeoffice wechselten, erhielten dafür neue Computer. Obwohl die Arbeit von zu Hause auch sehr gut funktionierte, waren einige froh, sobald wie möglich wieder an den Hauptsitz zurückzukehren. Der tägliche, unkomplizierte Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen fehlte eben doch. «Für die Führung bedeutete dieses flexible Arbeiten vor allem eines: Vertrauen. «Ohne Vertrauen geht es nicht. Wir haben diese Kultur jedoch schon vor dem Lockdown bei Textilcolor gelebt. Deshalb konnten unsere Führungspersonen gut damit umgehen», erklärt Fischer.

Mit den 30 Aussendienstlern wurde alle zwei Wochen ein gemeinsamer Austausch via Skype organisiert. Die Reisetätigkeit war stark eingeschränkt und es gab in vielen Ländern kaum Möglichkeiten, neue Kunden zu besuchen und damit neue Projekte an Land zu ziehen. «Wir haben versucht, dies etwas zu kompensieren, indem wir vermehrt auf Newsletter gesetzt haben. Nicht alles war schlecht: Intern konnten wir in dieser Zeit sogar einige Innovationen entwickeln – vor allem im Bereich Nachhaltigkeit», erklärt CEO Fischer. 

Resilient unterwegs – die Weibel/IT AG

Für die Weibel/IT AG aus Kirchberg gehört das Thema Digitalisierung zum Alltag. Das Unternehmen unterstützt Kunden auf dem Weg der digitalen Transformation. Gerade in Zeiten von Corona waren daher die Dienstleistungen der IT-Profis sehr gefragt. Die Mitarbeitenden der Weibel/IT AG selbst gingen ebenfalls ins Homeoffice – sogar die Lernenden.

Weibel AG - Manuel Domeisen

«Unsere Kunden mussten von einem Moment auf den anderen auf Homeoffice umstellen und benötigten dafür unser Know-how. Für uns waren daher die ersten zwei Wochen des Lockdowns im Frühling sehr arbeitsintensiv.»

Manuel Domeisen
Weibel/IT AG 

Führung setzt auf Eigenverantwortung

Organisatorisch seien aber keine wesentlichen Veränderungen nötig gewesen: Die notwendige Infrastruktur und die technischen Tools waren bereits vor der Corona-Krise eingeführt und alle Mitarbeitenden waren sich gewohnt, mit Microsoft Teams und Microsoft 365 zu arbeiten. «Eigenverantwortung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Firmenphilosophie. Die Mitarbeitenden sollen selbst entscheiden, wie und wo sie einen Kundenauftrag am effizientesten erfüllen», so Domeisen. Während des Lockdowns sei die Effizienz sogar gestiegen, was sich direkt messbar an der verrechenbaren Zeit der Aufträge ablesen liess.

Aber auch die Weibel/IT AG musste zusätzliche Massnahmen definieren, um die fehlenden sozialen Kontaktmöglichkeiten im Betrieb zu kompensieren. «Wir haben einen täglichen Austausch mit dem Team per Video eingeführt. Dieser war bewusst offen und unstrukturiert gehalten. Die Mitarbeitenden schätzten dies sehr». Mit dem Aufkommen der zweiten Welle wurde diese Massnahme wieder aufgenommen. Persönlich zieht Manuel Domeisen ein positives Fazit: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass unser Unternehmen auch in einer Krise funktioniert: «Eigenverantwortung, Agilität und eine offene Kommunikationskultur machen uns als Unternehmen resilient», fasst er zusammen.

St.Galler Kantonalbank schreitet voran   

Auch bei der SGKB hat Corona seine Spuren hinterlassen. Am 1. Oktober ist ein neues Homeoffice-Reglement in Kraft getreten. CEO Roland Ledergeber hat kürzlich in einem internen Video (siehe unten) erklärt, was der Kern des neuen Reglements sei. Das Homeoffice habe während des Lockdowns sehr gut funktioniert und sei ein echtes Bedürfnis der Mitarbeitenden. Die positiven Erfahrungen und die Vorteile möchte man nun bei der SGKB weiter nutzen. Doch es gilt auch Herausforderungen und Risiken zu berücksichtigen. So stellt man sich zum Beispiel folgende Fragen: Wie kann der Spirit virtueller Teams gefördert werden? Wie geht man beim Einarbeiten neuer Mitarbeitenden in dieser Situation vor? Wie funktionieren Betreuung und Förderung von Lernenden? Wie diese Fragen konkret beantwortet werden können, wird sich erst in Zukunft weisen.


4 Homeoffice-Tipps von Rolf Fuhrer,
Leiter Personal der St.Galler Kantonalbank

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fliessen immer mehr ineinander über. Eine individuell definierte Abgrenzung macht trotzdem Sinn:

  • Die positiven Effekte des Homeoffice kommen insbesondere dann zum Tragen, wenn man sich auf Arbeit oder Freizeit fokussiert.
  • Laufende Übergänge erhöhen die Belastung und verringern die Produktivität in der Arbeit und den Erholungseffekt in der Freizeit.
  • Eine Tagesplanung mit einer Strukturierung ist wichtig: Definierte Arbeitszeiten und Pausen sind für das private Umfeld genauso wichtig, wie für die Kolleginnen und Kollegen.   

Die ergonomischen Bedingungen im Homeoffice sind normalerweise nicht so gut wie diejenigen am Arbeitsplatz im Geschäft:

  • Die Arbeitsplatzeinrichtung sollte möglichst ergonomisch sein. Gestalten Sie den Arbeitsplatz achtsam. Gute Lichtverhältnisse gehören auch dazu.
  • Trennen Sie den Arbeitsplatz möglichst optimal von der weiteren Umgebung ab: ungestörtes Arbeiten im Homeoffice ist wichtig.
  • Genügend Bewegung schafft Ausgleich. Stehen Sie immer wieder auf, vertreten Sie die Füsse.  
  • Stellen Sie Wasser und Früchte bereit.   

Alle Umfragen zeigen, die sozialen Kontakte kommen im Homeoffice zu kurz:

  • Pflegen Sie die Kontakte zum beruflichen Umfeld. Ein Kontakt fördert das gemeinsame Verständnis und die Verbundenheit.
  • Kommunizieren und rapportieren Sie laufend an die vorgesetzten Stellen: Das schafft beidseitig Transparenz.
  • Die Situation und der Zeitgewinn erlauben zwischendurch auch einen Schwatz mit der Familie, einem Freund oder einer Freundin.
  • Nutze Sie dazu auch neue digitale Möglichkeiten.   

Pausen unterstützen die Erholung und die Effizienz in der Arbeit:

  • Geplante Pausen sind im Homeoffice besonders wichtig. Der soziale Austausch und ein informeller Austausch mit Kolleginnen und Kollegen fördert den Teamgeist.
  • Verbringen Sie die Pausen an einem anderen Ort als am Arbeitsplatz.
  • Lesen inspiriert und bringt Abwechslung in die Gedankenwelt.
  • Eine kurze Bewegungseinheit kann in vielerlei Hinsicht Wunder bewirken.  

Worauf gilt es beim Homeoffice zu achten?

Mit diesem Video hat die St.Galler Kantonalbank ihre Mitarbeitenden auf wichtige Aspekte des dezentralen Arbeitens aufmerksam gemacht.


Homeoffice bei der SGKB

Roland Ledergeber, CEO der St.Galler Kantonalbank, im Interview zum Thema Homeoffice bei der SGKB.