Ein Kursverlauf in Form eines Candlestick Charts

Daily Focus, 14.11.2022

Die europäischen Aktien stiegen 4.88 %, während der Swiss Performance Index mit einem Plus von 3.62 % die Woche abschloss.

Im Fokus: Als wäre ein Ballon geplatzt 

Die im Oktober tiefer als erwartet ausgefallene Inflationsrate in den USA und eine schlechtere Konsumentenstimmung haben zu einem Sturz des US-Dollars geführt, der an den Devisenmärkten in seinem Tempo und in seinem Ausmass ein seltenes Ereignis ist. Gegenüber dem Franken hat er innert Kürze sieben Rappen verloren. Vor einer Woche musste für einen US-Dollar noch 1.01 Franken bezahlt werden, nun sind es noch 94 Rappen. Während man die Bewegung im CHF/USD-Kurs noch mit einem kleinen Marktvolumen abtun kann, gilt das für den EUR/USD-Kurs nicht. Gegenüber dem Euro hat der US-Dollar in der gleichen Zeit ebenfalls sechs Cent verloren. Es schien, dass mit dem Stich einer Nadel der Ballon der US-Dollar-Hoffnungen geplatzt wäre.

Das Einzige, was sich jedoch geändert hat, ist die Inflationsrate in den USA, die statt 8.2 % immer noch hohe 7.7 % beträgt und eine Kerninflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise, die von 6.6 % auf deutlich zu hohe 6.3 % gefallen ist. Interessant sind deshalb die Argumente für den tiefen Fall des Greenbacks. Das erste und wichtigste ist, dass die Fed nun bei den weiteren Zinserhöhungen Tempo rausnehmen kann und im Dezember die Zinsen statt 0.75 % nur noch 0.50 % erhöhen muss. Das entsprach aber schon vorher den Markterwartungen. Der Höhepunkt der Fed-Zinsen wird nun knapp unter 5 % statt knapp über 5 % erwartet. Die Vertreter der Fed sagen bei ihren Auftritten aber etwas anderes. Sie betonen ihre Bereitschaft, die Zinsen auf ein hohes Niveau zu heben, wenn das nötig ist, um die Inflationsdynamik zu brechen. Ein weiteres Argument sind schwächere Wirtschaftsdaten, insbesondere bei den Stimmungsumfragen bei Unternehmen und Konsumenten. Den meisten dieser Daten ist gemeinsam, dass sie vor den Inflationsdaten veröffentlicht wurden und am Devisenmarkt damals keine Reaktion auslösten. Besonders gute Gründe, den Euro gegenüber dem US-Dollar vorzuziehen, gibt es auch nicht. Die Energiediskussion wird in Europa angesichts gut gefüllter Gasspeicher zwar weniger schrill geführt und die EZB wird die Zinsen weiter anheben. Aber das sind nicht die Schlagzeilen der letzten Tage.

Die Veröffentlichung der US-Inflationsdaten hat nicht nur die Dollar-Träume platzen lassen. Auch an den Aktien- und Zinsmärkten kam es zu Kursausschlägen, die mit dem Verhalten des oft zitierten rationalen Investors, der eine neue Information in den Preis einbaut, bei weitem nicht mehr vereinbar sind. Das zeigt einmal mehr, wie viel Geld sich an den Finanzmärkten tummelt, welches einfach hin- und hergeschoben wird und sich um die fundamentalen Bedingungen foutiert. Gesucht wird damit nicht der langfristige Anlageerfolg und eine Investition in die Realwirtschaft, sondern der kurzfristige Spekulationsgewinn. Bestens in dieses Bild passt der Zusammenbruch der FTX-Kryptobörse. Deshalb werden auch in den nächsten Wochen und Monaten die Kursschwankungen an den Finanzmärkten
hoch bleiben. Am Ende können sich die Preise zum Glück den wirtschaftlichen Gegebenheiten aber doch nicht entziehen.

Für den US-Dollar bedeutet das, dass eine Gegenbewegung nach oben kurzfristig wahrscheinlich ist. Diese wird aber kaum mehr die Parität zum Franken erreichen. Substanzieller wird der Dollar erst im nächsten Jahr unter Druck geraten, wenn ein Ende der Fed-Zinserhöhungen absehbar sein wird. Langfristig macht er das, was er seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1973 eigentlich immer gemacht hat. Weil die Inflation in den USA in der Regel höher ist als in der Schweiz, wird er im Trend zum Franken billiger.

Aktienmärkte

US-Aktienmärkte
Dow Jones: +0.10 %, S&P500: +0.92 %,
Nasdaq: +1.88 %

Europäische Aktienmärkte
EuroStoxx50: +0.57 %, DAX: +0.56 %,
SMI: +0.06 %

Asiatische Märkte
Nikkei 225: -0.84 %, HangSeng: +1.84 %,
S&P/ASX 200: -0.16 % 

Noch vor einer Woche wurde vor den Technologieaktien gewarnt, nachdem die Abschlüsse der grossen Technologiekonzerne ihre Abhängigkeit von der Internetwerbung offenbart haben. Eine tiefere Inflationsrate später deckt man sich mit den gleichen Aktien ein, als seien sie morgen ausverkauft. Manchmal ist das Verhalten an der Börse schwierig zu begreifen. Der S&P 500 legte letzte Woche 5.90 % zu. Die europäischen Aktien stiegen 4.88 %, während der Swiss Performance Index mit einem Plus von 3.62 % die Woche abschloss.

Die Unsicherheit an den Aktienmärkten ist nach wie vor gross und die Liste der potenziellen Risiken lang. Neben der restriktiveren Geldpolitik spielen Konjunktursorgen eine grössere Rolle. Die Inflation ist immer noch hoch und bahnt sich ihren Weg durch den Wirtschaftsprozess. Das Risiko weiter steigender Zinsen ist nach wie vor gegeben. Hinzu kommen geopolitische Risiken, welche die Stimmung an den Märkten belasten. Der Krieg in der Ukraine ist für die Wirtschaft Europas, aber auch für das politische Europa, ein grosses Risiko. Über eine potenzielle Energiemangellage hat er einen direkten Einfluss auf die Wirtschaft. Gleichzeitig nimmt auch der Konflikt zwischen China und den USA, der sich vor allem im Technologiebereich offenbart, konkretere Formen an. Neben all diesen negativen Faktoren gibt es auch Lichtblicke. Einer ist die Bewertung der Aktien. Inzwischen ist diese gesunken und einige Märkte und Titel erscheinen wieder attraktiver. Sobald sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen, die Zinsentwicklung und die Konjunkturaussichten stabilisiert haben, ist dies für einen Wiedereinstieg ein positives Signal. Die Unternehmen gehen von einer schwächeren Konjunkturentwicklung aus, während die aktuelle Lage noch positiv eingeschätzt wird. Sobald sich hier eine Trendwende zeigt und die zukünftige Entwicklung besser eingeschätzt wird, bietet dies ebenfalls Potenzial für eine positive Gegenbewegung bei den Aktienkursen. Zu guter Letzt braucht es eine nachhaltige Abschwächung des Inflationsdrucks. Diese ist für eine positive Aktienmarktentwicklung, die über einen kurzfristigen Kursschub hinausgeht, essenziell. 

Kapitalmärkte

Renditen 10 J: USA: 3.893 %; DE: 2.160 %; CH: 1.103 %

Nach der Veröffentlichung der US-Inflationsrate am letzten Donnerstag sind die Renditen der Obligationen wie ein Stein gefallen. Am Freitag kam die Gegenreaktion und ein Teil des Rückgangs wurde wieder kompensiert. Auch wenn die Fed das Tempo der Zinserhöhungen reduzieren wird und im Dezember die Zinsen nur noch um 0.50 % anhebt, ist das Ende noch nicht in Sicht. 

Währungen

US-Dollar in Franken: 0.9481
Euro in US-Dollar: 1.0302
Euro in Franken: 0.9766

Die SNB wünscht sich einen stärkeren Franken, um die Inflation in der Schweiz zu entlasten. So kann man die Aussagen von Thomas Jordan interpretieren, der die gegenwärtige Geldpolitik der SNB als zu locker betrachtet und den Kauf von Franken durch die SNB in den Raum stellt.

Rohstoffmärkte

Ölpreis WTI: USD 88.37 pro Fass
Goldpreis: USD 1'758.40 pro Unze

Einer der Profiteure des Dollar-Absturzes ist das Gold. Der Preis ist auf den höchsten Stand seit Mitte August gestiegen. Wie beim US-Dollar hat sich auch beim Gold fundamental nur wenig verändert. Die steigenden US-Zinsen sprechen nicht für ein grosses Potenzial des aktuellen Gold-Rallyes.

Wirtschaft

USA: U. Michigan Konsumentenvertrauen (November)
letztes: 59.9; erwartet: 59.5; aktuell: 54.7

Mit den wieder steigenden Benzinpreisen ist die Stimmung der amerikanischen Konsumenten wieder gefallen. Sie erwarten für die nächsten Monate wieder höhere Inflationsraten. Entscheidend wird aber sein, wie stark sich die Angst vor höheren Preisen auf das effektive Kaufverhalten auswirken wird. Bisher war der private Konsum einigermassen stabil, auch dank den nach wie vor guten Arbeitsmarktaussichten.

Thomas Stucki

Leiter Investment Center
Stauffacherstrasse 41
8021 Zürich
Ansicht vom Gebäude der Niederlassung der St.Galler Kantonalbank in Zürich
Disclaimer

Die Angaben auf diesen Publikationen und insbesondere die Beschreibung zu einzelnen Wertpapieren stellen weder eine Offerte zum Kauf der Produkte noch eine Aufforderung zu einer andern Transaktion dar. Sämtliche auf dieser Empfehlungsliste enthaltenen Informationen sind sorgfältig ausgewählt und stammen aus Quellen, die vom Investment Center der St.Galler Kantonalbank grundsätzlich als verlässlich betrachtet werden. Meinungsäusserungen oder andere Darstellungen in dieser Empfehlungsliste können jederzeit und ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Es wird keine Garantie oder Verantwortung bezüglich der Genauigkeit und Vollständigkeit der Informationen übernommen. Die St.Galler Kantonalbank AG ist von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA (Laupenstrasse 27, 3003 Bern, Schweiz, www.finma.ch) reguliert und beaufsichtigt.

Ihr nächster Schritt

Möchten Sie unsere Research-Berichte als Newsletter erhalten? Oder mit unseren Audio- und Videopodcasts auf dem Laufenden gehalten werden? Abonnieren Sie die entsprechenden Newsletter.

Twitter

Trends und tagesaktuelle Entwicklungen aus unserem Investment Center auf Twitter.

Folgen Sie uns jetzt auf Twitter
Der Twitter-Kanal der St.Galler Kantonalbank auf einem Smartphone

Diese Informationen dienen zu Werbezwecken.